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Ein Interview mit Tom Tykwer

Tom Tykwer

In dem Film spielen Sophie Rois, Sebastian Schipper und Devid Stresow drei gesetzte Erwachsene, die neue Verhältnisse miteinander beginnen, ohne dass der jeweils Dritte davon weiß. Ein Gespräch über post-aufgeklärte Lust, die Rhythmen des Erwachsensein und das Fremdgehen von Filmen.

tip Herr Tykwer, ist Ihr Film „Drei“ eine Aufforderung zum Fremdgehen?
Tom Tykwer?(lacht) Nein. Der Film ist keine Aufforderung. Der Film ist eher das Gegenteil. Er ist ein undogmatischer Versuch, sich mit unserem Zustand der Verwirrung auseinanderzusetzen, der sich für mich da­raus ergibt, dass wir im Denken weiter sind als im Tun. Ich habe den Eindruck, dass wir Neigungen, Gelüste und Neugierden anei­nander schon anerkennen, wenn wir darüber sprechen. Aber wir haben noch keine Möglichkeit gefunden, das in irgendeine Art von Realisierung zu übersetzen, weil wir noch in ganz vielen Normen und Kategorien drinstecken, von denen wir noch nicht richtig wissen, wie wir sie verlassen sollen. Insofern ist der Film eigentlich nur eine Aufforderung zum Tanz (lacht).

tip Ihre drei Hauptfiguren entsprechen dieser Charakterisierung ziemlich genau: Sie sind neugierig, aber auch leicht überfordert von der Situation, die sie kreieren.
Tom Tykwer Wir bewegen uns halt in dieser Grauzone, dass wir uns schon fast post-aufgeklärt entspannt mit der Auflösung der Geschlechterkategorien beschäftigen, mit dem ganzen spätmodernen Vokabular umgehen, aber in der Konkretion natürlich noch echte Probleme haben. Das nimmt der Film als Ausgangslage. Und dann passieren den Leuten trotzdem diese Dinge. „Drei“ ist kein Film, der stark an einer konzeptionellen Idee entlang entwickelt wurde, also an der Idee des „Zwei treffen einen Dritten“. Der Großteil des Films existierte ja schon, bevor diese Idee dazu kam. Es war zusammengesetzt aus Fragmenten, die sich darum drehten, wie Menschen miteinander umgehen, wenn sie lange zusammenleben. Wie sich Langzeitbeziehungen auf unsere Libido auswirken, auf unsere Triebe, auf unsere Haltung zum Rest der Welt, auf unser Miteinander mit anderen Menschen. Ich habe die ganze Zeit nach einer Form gesucht, die dem Patchworkartigen und Puzzlehaften nicht im Weg steht, sondern das für den Film bewahren kann.

Tom Tykwertip Also war vor „Drei“ …
Tom Tykwer … zuerst „Zwei“. So hieß er zwar nicht, als ich das Material gesammelt habe, aber so hätte er eigentlich heißen müssen, weil es eigentlich nur um Beziehungsmuster und Komplikationen in Langzeitbeziehungen ging. Also auch um Vorzüge, aber in jedem Fall um Vor- und Nachteile (lacht) von Langzeitbeziehungen. Aber der Film ist erst durch den Dritten lebendig geworden. Und natürlich durch die Besonderheit dieser Konstruktion, dass sich beide Beziehungspartner in denselben Dritten verlieben, und das auch noch voreinander geheim zu halten in der Lage sind. Da hab ich plötzlich gemerkt: Okay, das ist eine Idee, die eigentlich super simpel ist, aber die ich tatsächlich noch nie in einem Film gesehen habe.

tip Damit schlägt „Drei“ ja eine untypische Antwort auf diese Krisensymptome des Paares vor. In gewöhnlichen Filmen mündet die Dreiecksgeschichte in ein Entweder-Oder.
Tom Tykwer Der Film ist ja auch ein Entweder-Oder. Für mich hat der Film eindeutig einen Höhepunkt, wenn die Drei voreinander stehen. Und damit das große Entweder-Oder und das noch gewaltigere Fragezeichen mit im Raum stehen. Aber die Spezialschlaufe des Filmes hat sich ja dahin entwickelt, dass alle mit einem ausgeglichenen Maß an Schuld und Vorwurf umgehen müssen. Alle sind gleichermaßen berechtigt, einander Vorwürfe zu machen, ebenso wie sich schuldig zu fühlen. Dadurch ist dieser moralische Hammer plötzlich nicht mehr im Spiel. Ich habe mich aber nie so richtig dafür interessiert, welche Lösung es dafür gibt. Ich wollte den Weg gehen, der der Geste des Films entspricht, die einfach spielerischer und neugieriger ist. Ich meine, ob das, was dann am Ende des Films geschieht, die wahrscheinlichste Lösung ist, das wagen wir ja wahrscheinlich alle zu bezweifeln (lacht).

tip Gerade als die Drei einander gegenüberstehen, ist der Grat sehr schmal. Als Zuschauer fragt man sich: Kippt das jetzt in eine Komödie oder in eine Tragödie? Fangen jetzt alle drei an zu lachen, oder stürzt sich jetzt als Nächstes jemand aus dem Fenster, weil er es nicht aushält mit der Situation?
Tom Tykwer Der Film versucht, seine Leichtigkeit nie ganz zu verlieren, trotzdem aber kein noch so anstrengendes oder meinetwegen auch schwermütiges Thema auszulassen. Die Themen schlagen in den Film ja ein wie Meteore, auf eine ähnliche Weise, wie sie es im Leben ja auch tun. Es passt ja auch nie im Leben, wenn jemand stirbt. Die Leute sterben ja immer zu Zeitpunkten, wo man denkt: Da hat man jetzt überhaupt keinen Platz für, und auch keine Kapazität. Aber den richtigen Zeitpunkt gibt es natürlich auch nicht. Oder dass man plötzlich mit Krankheit konfrontiert wird. Oder anderen Problemen: Dass man vielleicht pleite geht. Die ganzen Katastrophen, die uns konstant im Leben bedrohen, entbehren ja zumeist einer Dramaturgie, die bauen erst wir uns drum herum. In Filmen ist das meist strenger strukturiert. Aber es gab einen ganz starken Willen, diese Strenge nie in „Drei“ einziehen zu lassen.

Dreitip Das ist die Umkehr von Motiven aus früheren Filmen, „Winterschläfer“ etwa, oder „Der Krieger und die Kaiserin“, in denen ein Moment des Schicksalhaften im Zusammenbringen der Personen viel deutlicher war. Hier ist es fast umgekehrt, das Schicksal will, dass sie nicht zusammenkommen.
Tom Tykwer Ja, aber es ist vielleicht trotzdem der Zwillingsbruder desselben Prinzips. Der Zufall spielt ja auch wieder in diesem Film eine große Rolle und hat dann schicksalhaft erscheinende Konsequenzen. Je älter ich werde, desto stärker empfinde ich, dass Kontingenz ein zentrales Motiv meiner Lebensentwicklung ist. Also wie oft man den Eindruck hat, dass Situationen sich dadurch auf eine bestimmte Weise entwickelt haben, weil ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Verfassung war und dann einfach, im übertragenen Sinn, statt links eben rechts abgebogen bin, und ich jetzt eben da bin, wo ich bin. Und ich kann mir kaum Filme vorstellen, die das Leben und seine seltsamen Wege halbwegs ernst nehmen, in denen das nicht eine bedeutende Rolle spielt.

tip Sie sagen, Sie hätten das Projekt über Jahre mit sich rumgetragen: Wie groß ist denn der persönliche Anteil darin?
Tom Tykwer Mein Leben ist natürlich anders. Aber ich habe biografische Details zu den Figuren im Kopf, die mir sehr vertraut sind. Und ich habe ein Bewusstsein von dem Ort, an dem sie leben. Darüber hinaus hatte ich auch ein Bedürfnis danach, Berlin – anders meinetwegen als noch in einem Film wie „Lola rennt“  – nicht so sehr als eine Kulisse zu zeigen wie im klassischen Sinne eines filmischen Motivs: also sozusagen das Präsentierte ganz wegzulassen und Berlin als Heimat zu erzählen. Berlin als Heimatort, in dem man ganz oft überhaupt nicht reflektiert, wo man jetzt gerade hingeht, weil das halt Automatismen sind. Es gibt Lieblingskneipen, es gibt Lieblingsorte, es gibt routinehafte Wege, die auch als solche gezeigt werden. Deshalb wird in „Drei“ auch oft eine Totale weggelassen. Es gibt kaum sogenannte establishing shots im Film, die man ja normalerweise macht, um ein Motiv zu präsentieren. In der Regel ist es so, dass „Drei“ immer direkt in der Kneipe drin sitzt. Nicht so dieses: außen, Straße, näher ans Fenster und dann in die Szene rein. Sondern die Leute sind direkt immer da, wo die halt hingehen. Wir suchten sozusagen nach einer selbstverständlichen Beschreibung von örtlicher Intimität.

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