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Ein Interview mit Whit Stillman

Algebra in Love

Ein Filmtitel wie „The Last Days of Disco“ mag modisch klingen, aber als der Film von Whit Stillman 1998 in die Kinos kam, war die Disco-Welle schon längst Vergangenheit. Auf der Höhe der Zeit zu sein, hat den mittlerweile 61-jährigen Regisseur nie gereizt, lieber hat er in seinen Filmen wie ein Ethnologe wenig bekannte Jugendrituale festgehalten. Im Mittelpunkt seines Regiedebüts „Metropolitan“ standen 1990 New Yorker Preppies, die in Kleidung und Umgangsformen dem Stil einer vergangenen Epoche huldigten. Auch die Mädchen, die sich in „Algebra in Love“ um Violet Wister (Greta Gerwig) sammeln, haben eine Mission: den Jungen auf dem Campus bessere Manieren beizubringen und sie aus ihrer Routine von Abhängen und Saufen zu befreien. Violet hat außerdem noch einen neuen Tanz kreiert, von dem sie glaubt, dass er großes Potenzial hat. Ihre Entschlossenheit wird allerdings von anderen als Fanatismus gedeutet…

tip Mr. Stillman, der Ausgangspunkt des Films war die Zeitungsmeldung über eine Gruppe von Mädchen, die Traditionen des Campuslebens wiederbeleben wollten.
Whit Stillman Ich habe versucht, von der ursprünglichen Geschichte wegzukommen, indem ich mich in die Situation dieser Mädchen hineinversetzte. Bei der Suche nach Geldgebern (der Film wurde schließlich mit privaten Geldern vollkommen unabhängig finanziert) erzählte mir eine Frau, an ihrem College hätten ähnliche Verhältnisse geherrscht – eine dominante männliche Atmosphäre, wo die Jungs am Wochenende regelmäßig zu viel tranken und dann auf die Türschwellen der Mädchen kotzten.

Algebra in Lovetip In „Algebra in Love“ gibt es Tanzen als Therapie und am Ende eine richtige Musical-Sequenz, aber Tanz spielte auch schon in Ihren früheren Filmen eine Rolle. Ihr Film heißt im Original „Damsels in Distress“, da darf man an das Musical „Damsel in Distress“ mit Fred Astaire denken.
Whit Stillman Ich liebe den Gershwin-Song „Things are Looking Up“, und deshalb sollte er am Ende des Films stehen. Ich überprüfte, woher dieser Song kam und stieß auf „Damsel in Distress“. „Damsel“ kommt vom französischen „Demoiselles“ und dem spanischen „Damas“. Das stammt aus den Zeiten von Don Quijote: Ritter und Damen, die gerettet werden – was der Film auf den Kopf stellt.

tip Mit Greta Gerwig haben Sie eine tolle Besetzung für die Hauptrolle gefunden.
Whit Stillman Nachdem sie zugesagt hatte, bekam sie das Angebot für eine Studioproduktion, das Remake von „Arthur“, und fragte uns, ob wir den Dreh verschieben könnten in den Sommer. Das haben wir gemacht. Später erfuhr ich, dass sie unserem Film den Vorzug gegeben hätte, wenn das nicht geklappt hätte.

tip Greta Gerwig ist nicht die erste Ihrer Hauptdarstellerinnen, die anschließend bei Woody Allen auftauchten.
Whit Stillman Mira Sorvino hat er nach „Barcelona“ besetzt, und sie bekam dann den Oscar für „Geliebte Aphrodite“. Chloë Sevigny spielte einige Zeit nach „The Last Days of Disco“ in „Melinda & Melinda“. Diesmal fragte er an, ob er Szenen aus dem Film sehen könnte. So schnitt ich einiges zusammen, und mein Assistent brachte das Material zu ihm. Danach besetzte er Greta für „From Rome with Love“ – sie flog nach den letzten Tonaufnahmen sofort nach Rom.

Algebra in Lovetip Sollten Sie von Woody Allen Prozente verlangen für sein Casting?
Whit Stillman Nein, wir sind ihm alle zu Dank verpflichtet, denn er hat ein bestimmtes Klima geschaffen, in dem einiges möglich wurde. Meine ersten drei Filme wurden verkauft als „im Stil von Woody Allen“, als Kreuzung zwischen Woody Allen und Eric Rohmer – was letztlich keinem von beiden gerecht wird. Was mich unterscheidet von Woody Allen, ist die Tatsache, dass er die Grenzen des Naturalismus verletzt, wenn er daraus einen Witz ziehen kann. In „Damsels“ gibt es einige Momente, wo ich das ebenfalls mache – insofern stimmt der Vergleich mit Woody Allen hier zum ersten Mal.

tip Die Protagonisten Ihrer Filme waren stets junge Erwachsene…
Whit Stillman In nicht wenigen der negativen Kritiken wird mein Alter erwähnt. Ich glaube aber, der Blick ändert sich nicht unbedingt, wenn man älter wird. Ich war immer an diesem Lebensabschnitt interessiert, weil sich dann die Identität bildet. Davon erzählen meine Filme eher, als dass sie romantische Komödien sind. Dafür wurden meine Pro­tagonisten schon in „Barcelona“ und „The Last Days of Disco“ kritisiert – sie seien, anders als die in „Metropolitan“, zu alt, um sich noch so „silly“ zu verhalten.

tip Was haben Sie in den 13 Jahren vor „Algebra in Love“ gemacht?
Whit Stillman Ich lebte für neun Jahre in Paris und für zwei in Madrid. Ich dachte, ich könnte die Filme von London aus machen. Einer, der vom Zusammentreffen von Menschen aus verschiedenen Generationen auf Jamaika erzählt, hatte drei Finanziers – aber am Ende dachten sie wohl, jemand, der über Preppies in New York Filme dreht, kann keine über farbige Jugendliche machen! In Madrid liegen meine Wurzeln als Filmemacher. Ich arbeitete Mitte der 80er-Jahre, als der amerikanische Independent-Film noch in seinen Anfängen lag, mit Fernando Trueba und Fernando Colomo und half ihnen, ihre Filme ins Ausland zu verkaufen. Das basierte übrigens auf einem Bluff: Ich vermittelte den Eindruck, ich würde mich auskennen, dabei hatte ich nur ein „Variety“-Special zum spanischen Film auswendig gelernt.

Interview: Frank Arnold

Fotos: Sony Pictures

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Algebra in Love“ im Kino in Berlin

Algebra in Love (Damsels in Distress), USA 2011; Regie: Whit Stillman; Darsteller: Greta Gerwig (Violet), Carrie MacLemore (Heather), Megalyn Echikunwoke (Rose); 95 Minuten; FSK 6

Kinostart: 16. Mai

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