Kino & Stream

Ein Interview mit Will Ferrell

Anchorman - Die Legende kehrt zurück

Als Will Ferrell vor einigen Jahren zusammen mit John C. Reilly in Berlin Interviews zu „Stiefbrüder“ gab, spielten die beiden einander die komödiantischen Bälle nur so zu, sodass Fragen eher Stichworte waren. Als er bei der letztjährigen Viennale im Oktober mit dem weltweit ersten Tribute geehrt wurde, ließ Ferrell nach der Vorführung von „Anchorman“ seine Gesprächspartnerin, eine versierte Filmkritikerin, im voll besetzten Kino schon mal lustvoll auflaufen. Am nächsten Morgen beim Interview zeigte sich Will Ferrell allerdings durchaus ernsthaft.

tip ??Mister Ferrell, „Anchorman“ ist der erste Ihrer Filme, zu dem es eine Fortsetzung gibt. Was macht Ron Burgundy populärer als Ihre anderen Figuren?
Will Ferrell Ich vermute, das Publikum liebt ihn, weil er einfach ein Idiot ist, der denkt, er habe recht. Und gleichzeitig hat er eine gewisse Liebenswürdigkeit. Auch wenn er ernst genommen werden will, ist er im Grunde genommen sehr unsicher und will einfach nur gemocht werden – einer jener Menschen, über die wir uns leicht lustig machen können, eben weil sie sich so ernst nehmen. Mir selber macht diese Figur Spaß, weil ich in jede Situation hineingehen kann, ohne etwas zu wissen und einfach drauflos plappern kann. Ich tue einfach so, als wüsste ich Bescheid.

Anchorman - Die Legende kehrt zurücktip Beim ersten „Anchorman“-Film hatten Sie am Ende des Drehs so viel Material, dass Sie daraus später noch einen zweiten Film schneiden konnten, „Wake Up, Ron Burgundy: The Lost Movie“, der dann auf DVD erschien. Ist das die Ausnahme oder die Regel?
Will Ferrell Bei allen Filmen, die ich mit Adam McKay als Regisseur und Ko-Autor gemacht habe, hatten wir Drei-Stunden-Fassungen – manchmal waren es sogar vier Stunden, weil wir so viel improvisiert hatten. Für den neuen „Anchorman“-Film hatten wir derartig viel Material, dass wir überlegten, ihn in zwei Teilen herauszubringen – wie „Kill Bill“. Wir haben Testvorführungen gemacht, aber dem Publikum gefiel das nicht, sie dachten, derselbe Film würde ein zweites Mal beginnen! Beim digitalen Drehen kann man lange Szenen am Stück drehen, ich denke, das ist ein großartiges Werkzeug für Comedy. Wir überlegen uns, zu einem späteren Zeitpunkt den Film in den USA noch einmal herauszubringen, aber mit neuen Gags. Wir haben so viele verschiedene Varianten der einzelnen Szenen.

tip Bei der Stand-up-Comedy ist die Reaktion des Publikums der Erfolgsmesser. Wie machen Sie es bei Kinofilmen? Stellt man da die Tauglichkeit der Gags beim gemeinsamen Proben fest? Oder erst bei den obligatorischen Testvorführungen? Oder verlassen Sie sich ganz auf Ihr Bauchgefühl?
Will Ferrell Alles davon! Ich bin allerdings kein großer Anhänger davon, die Texte einer Menge Leute zum Lesen zu geben. Wir geben sie schon Leuten, wir lesen sie laut vor, wir machen Leseproben mit anderen – so bekommen wir eine grobe Vorstellung davon, was funktioniert. Dann versammeln wir eine Gruppe von Autoren, die es überarbeiten und am Schluss gibt es die Test-Screenings. Bei denen muss man verstehen, sie als ein Werkzeug zu nutzen. Wir hören uns die Szenen mit dem Applaus an und gehen dann noch mal drüber – aber wenn uns allen ein Gag gefällt, dann lassen wir ihn drin, auch wenn er beim Publikum nicht ankam.

Anchorman - Die Legende kehrt zurücktip Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Will Ferrell Beim ersten „Anchorman“-Film wollte das Studio, dass wir die Figur von Brick Tamland komplett herausnehmen. „Warum?“, fragten wir. „Weil sie keinen Sinn macht und nur Unsinn redet.“ Aber genau das sei der Punkt, erwiderten wir. Er ist wie Harpo Marx – die anderen hinterfragen ihn nicht, weil er ihr Freund ist. Wir sind immer offen für Vorschläge, die beste Idee setzt sich durch, aber in diesem Fall waren wir uns ganz sicher, dass diese Figur funktionieren würde. „Vertraut uns! Mit dem richtigen Darsteller klappt das.“ Und das war dann Steve Carell.

tip Haben Sie zuerst Ihre Figur im Kopf entwickelt und dann die Geschichte um sie herum – oder umgekehrt?
Will Ferrell Manchmal so, manchmal so. Bei „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ stießen wir auf die NASCAR-Welt, die damals so populär war, dass wir dachten, darüber müsse man unbedingt einen Film machen. Die Figuren haben wir erst danach entwickelt, während bei „Anchorman“ die Figur von Ron Burgundy der Ausgangspunkt war. Ich hatte damals ein Special über den ersten weiblichen News-Anchor gesehen, der in Philadelphia mit einem männlichen Kollegen ein Team bildete. 20 Jahre später wurde der Mann dazu befragt und gab zu: „Ich war wirklich ein chauvinistisches Schwein.“ So kam die Idee für die Figur von Ron Burgundy zustande.

tip Viele Ihrer Leinwandcharaktere sind eigentlich ziemlich lächerliche Figuren.
Will Ferrell Ich fand es immer faszinierend und komisch, Figuren zu nehmen, die einen hohen Status haben und sie dann zu erniedrigen. Was macht amerikanische Bravade aus? Wir haben keine Skrupel, alle wissen zu lassen, dass wir glauben, wir sind die Besten. Das scheint sich gerade zu ändern: Wie werden wir damit umgehen, dass unser Status als Supermacht Risse bekommt?

Interview: Frank Arnold

Fotos: Gemma LaMana / MMXIII Paramount Pictures Corporation

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Anchormann – Die Legende kehrt zurück“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren