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Ein Kiezfilm für 2.000 Euro: „Tom Atkins Blues“

Dreharbeiten zu

„Klar kann man zum Thema Gentrifizierung einen ganz anderen Ton anschlagen“, sagt der Filmemacher, der auch das Drehbuch schrieb. „Uns stand der Sinn aber nicht nach einer verbitterten Geschichte oder danach, die Schuld an den Veränderungen nur den Yuppies zuzuschieben. Es geht nicht um Schwarz oder Weiß.“ Die Stammklientel des Shop-Idylls – darunter ständig betrunkene Jünglinge und kommunikationsgestörte Dauergäste – zeichnet der Film denn auch nicht heldenhafter als die vermögenderen Zugezogenen. Aber klar wird auch: Mit einer solchen Mannschaft ließe sich wohl keine Rebellion starten. Inmitten der Fronten gibt Ross’ filmisches Alter Ego den poetischen Beobachter – ein „Stranger in a ­strange land“. Ross‘ Film kombiniert verspielt dokumentarische Elemente mit seiner Fiktion. Tatsächliche Kunden spielen sich selbst und tauchen in kleinen Interview-Vignetten auf den Stufen des Spätkaufs wieder auf. Erfindung und realer Hintergrund beleuchten ein­ander derart mit Gewinn.
Tom Atkins BluesRoss hat sich bewusst auf die Kiezstory konzentriert, anderes wie Ost/West-Themen herausgehalten. „Auch deshalb steht ein Engländer im Zentrum.“ Dass er mit seinem Film „eine gewisse Wahrheit trifft“, auch jenseits von Berlin, hofft er, schließlich würde Gentrifizierung in jeder Stadt Alteingesessenes verdrängen, ob in New York oder Ross’ alter Heimat London. „In Berlin kam die Veränderung durch die historische Situation eben unglaublich schnell und massenhaft. Das gibt es nirgendwo sonst.“
„Tom Atkins Blues“ hat der Mittvierziger nun im Kleinst-Team um Stammkameramann Martin Parry realisiert, in nur elf Drehtagen mit einem Kapital von 2000 Euro. „Ich hatte keine Lust darauf, auf Förder-Entscheidungen zu warten“, erzählt er. „Man wartet ein halbes Jahr auf die Entscheidung, und am Ende heißt es: ‚Nein‘. Also haben wir gesagt: Machen wir es eben ohne Geld; wir nutzen digitales Equipment, kreieren eine schöne Stimmung.“ Überraschend viele Mitwirkende seien ohne Zögern dabei gewesen – ohne nach Finanzen zu fragen, auch Profis wie die Schauspieler Tessa Mittelstaedt und Ronald Kukulies oder auch Jakob Ilja von der Band Element Of Crime. „Das ist einmalig in Berlin, dass sich hier tatsächlich nicht alles ums Geld dreht und dass man einen Film wie unseren machen kann“, resümiert Ross glücklich. „In London wären wir damit nicht weit gekommen.“ Den nächsten Film haben Ross und Kameramann Parry schon vorbereitet. Es geht um drei Beziehungsgeschichten in Berlin. Und um das Budget macht Ross sich keinen Kopf.

Text: Ulrike Rechel

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Tom Atkins Blues“ im Kino in Berlin

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