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Ein Kiezfilm für 2.000 Euro: „Tom Atkins Blues“

Alex Ross

Fast ist alles beim Alten. „Spätkauf“ steht auf dem Schild, das in der Choriner Straße mit der Nummer 12 vor der Tür baumelt. Die Buchstaben hat jemand mit bunter Farbe aufgepinselt, dazu den Fernsehturm bei Nacht. Ringsum Blättergewirr, eine brüchige Hausfassade. Drinnen gibt es, was man bei Kaiser’s um die Ecke vergessen hat zu kaufen: Chips, Wein, Bier, eine Zeitung, eine Zitrone. An diesem normalen Montag an einem Sommertag in Berlin ist viel los im Laden, das heißt: vor dem Laden. Leute sitzen an wackeligen Tischen, trinken Limo, unterhalten sich, lesen.
Im durchsanierten Viertel ist der schön verwilderte Shop einer der raren Flecken, die noch so aussehen wie zu Zeiten kurz nach der Wende. In „Tom Atkins Blues“ von Alex Ross ist es der zentrale Spielort – mit filmreifem Innenleben, wie es kein Ausstatter besser zusammentragen könnte: vollgestellte Regale, wahlweise Körbe und Schalen, ein Glas Gummifrösche an der Theke, die Wände behängt mit Kunstdrucken, alter Werbung, Sprüchen und einer Wanduhr wie in einer Amtsstube. Ein bisschen wirkt das wie das Ostberliner Pendant zum Tabakladen in Wayne Wangs New York-Film „Smoke“. Und auch in „Tom Atkins Blues“ ist der Titelheld, gespielt vom Regisseur selbst, mehr als nur Verkäufer: die gute Seele für die Stammkundschaft. Gemeinsam beobachtet man mürrisch bis ängstlich die Verwandlung des alten Pflasters zum Nobelquartier.
Tom Atkins BluesAlex Ross weiß gut, wovon er spricht: Seit 18 Jahren lebt der Brite in Berlin. Anfang der Neunziger zog er nach der Filmschule in Bournemouth an den Prenzlauer Berg – so wie viele andere Künstler und Abenteurer. In Gründerlaune arbeitete er an Filmprojekten und jobbte nebenbei: im Spätkauf Choriner Straße. Sein dritter Langfilm ist nun eine lakonische Hommage – an einen verschwindenden Kiezzusammenhang und an eine besondere Stimmung im Ostteil der Stadt. „Damals habe ich sehr kiezbezogen gelebt“, erinnert er sich, „ich hab durch den Laden sehr viele Leute gekannt, die aus dem Viertel kamen. Von denen ist heute keiner mehr da“. Häuser wurden saniert und verkauft, Mieten kletterten. Auch der Regisseur zog weg. „Man kann sich darüber ärgern“, sagt er und lächelt, „aber deshalb wird keiner aus seinem sanierten Appartement ausziehen, oder?“
Man kann gegen die Gentrifizierung wettern. Oder aber einen Film drehen. Am besten einen so selbstironischen wie Ross’ No-Budget-Produktion. In den „Blues“ seiner Hauptfigur mischt sich viel Komik, allein zu Beginn: Wenn die Freundin aus der gemeinsamen Erdgeschoss-Wohnung auszieht und dem Mann ewige Gestrigkeit vorwirft. Hinter der Ladentheke wirkt der Verlassene dann wie lebendes Inventar in einer lebensgroßen Wunderkugel.

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