Literaturverfilmung

„Ein Leben“ im Kino

Erfrischende Neuverfilmung eines Klassikers

Film Kino Text

„Ein Leben. Die ganze Wahrheit“ nannte Guy de Maupassant seinen ersten Roman sehr prosaisch und schilderte darin das Schicksal der jungen Landadeligen Jeanne, die in der Normandie des frühen 19. Jahrhunderts von ihren Jungmädchenträumen eines erfüllten Lebens Abschied nehmen muss. Ehemann und Sohn erweisen sich als bittere Enttäuschungen, Landbesitz und finanzielle Ressourcen schwinden. Desillusion und gesellschaftlicher Abstieg, erzählt in einem distanzierten Ton: ein typischer Stoff des französischen Naturalismus.

Stéphane Brizés Neuverfilmung wirkt hingegen frisch und modern: Kostümfilm ja, doch keine Spur von Plüsch und Staub. Das liegt vor allem an einer elliptischen Erzählweise, die die Handlung und die zeitlichen Abläufe extrem verdichtet. Dabei verzichtet der Film darauf, die dramatischen Höhepunkte in ­Szene zu setzen, die der Originalstoff bereithält. Brizé interessiert sich ausschließlich für die Auswirkungen auf das Gemüt seiner Hauptprotagonistin.

Im Ergebnis entsteht der Eindruck eines filmischen Äquivalents zu einem pointilistischen Gemälde, das von Nahem nur aus bunten Punkten zu bestehen scheint: Die Gesamtheit des Bildes erfasst man erst bei der Betrachtung aus einem gewissen Abstand. Dass man mit Jeanne trotzdem mitfühlen kann, ist der französischen Schauspielerin Judith Chemla zu verdanken, die die bitteren Spuren eines Lebens in subtilen Nuancen darzustellen vermag.

Ein Leben F/B 2016, 119 Min., R: Stephane Brizé, D: Judith Chemla, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau, Swann Arlaud, Nina Meurisse, Start: 24.5.

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