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Ein Porträt: Russell Brand

Russell Brand in

Russell Brand hat es ja oft genug gesagt. So pompös sei sein Ego, so gefräßig der Narzissmus, dass er nicht ruhen werde, bevor seine Visage nicht im letzten Beduinenzelt der Sahara und auf der entlegensten Ölplattform im Kaspischen Meer bekannt sei. Noch gibt es vereinzelte Nester der Ahnungslosigkeit. Deutschland etwa, bekanntlich stets geschmackssicher in der Wahl seiner Lieblingskomiker. Lediglich wegen seiner Liaison mit Katy Perry wird Brand hier durch den Boulevard gejagt, während er als Entertainer, Autor, Schauspieler, Moderator, Quotenwahnsinniger, kurz: als popkulturelles Phänomen noch keine Rolle spielt.
Um diese erschütternde Bildungslücke zu schließen, hat seine Filmfirma an einem tristen Sommersonntag nach London geladen. In einem Hafenrestaurant, in dem man noch das Bratfett aus dem letzten Jahrhundert zu riechen meint, gibt Brand reihenweise Interviews. Einige Szenen seines Films „Get Him to the Greek“ spielen hier. Nach London stehen New York, Las Vegas und Los Angeles für ähnliche PR-Events auf dem Plan. Niemand ist überrascht, dass Pünktlichkeit bei Brand auch heute nicht oberste Priorität hat. Auch sein neuer, gerade in den haarsträubendsten Momenten biografischer Film erzählt, wie er als Far-Out-Star dauernd irgendwelche wichtigen Termine verpasst, weil sich das Groupievögeln und Heroinspritzen nicht von selbst erledigen. Wer kennt sie nicht, diese Probleme?
Russell Brand in Entsprechend gelassen nimmt man es dann auch hin, dass der eigene Termin stetig verstreicht. Eine Stunde, zwei Stunden vergehen, während man Brand mit TV-Journalistinnen und Schminkmädchen flirten sieht; interessant zu beobachten, wie eine Dokumentation über Löwen auf Antilopenjagd. Frauen jeden Alters umflirren diesen großen, drahtigen, nach eigener Auskunft „vogelscheuchigen“ Mann mit den filigranen Gesichtszügen in jeder Minute. Und wenn auch aus der Ferne schwer zu sehen ist, ob er von seiner Mutter oder von Schweinereien erzählt, erntet er ständiges, beglücktes Gegiggel.
Drei Stunden. Langsam wird es brenzlig, die Teams brechen ihre Zelte ab, der vormittags vergnügt geschaute Film kippt zur Realsatire. Bis das Brand-Camp beweist, dass wir es hier doch mit Cool Britannia zu tun haben. Kurzerhand wird vorgeschlagen, dass man doch mit ihm zurück ins Hotel fahren und sich in der Limo unterhalten könne. Dann stakst Brand auch schon heran und möchte noch vor dem Einsteigen wissen, welcher Club in Berlin die besten Chancen auf eine spontane Orgie biete, er besuche die Stadt nämlich bald, und man höre ja auch in seinen Kreisen so viel Gutes über die Stadt. Na, das kann ja heiter werden.
Russell Brand in Es ist nicht lange her, dass Brand Journalisten auch im Himmelbett empfing, noch nicht ganz abgetrocknet nach dem Clinch mit zwei Blondinen. Eine seiner leichtesten Übungen. Wie die hehren Vorbilder Lenny Bruce oder Richard Pryor stellt auch Brand das Private, Exzessive, Intime und Dunkle ins Zentrum seiner Arbeit und fängt mit den Gags dort an, wo andere verlegen schweigen. Das kann ein zehnminütiger Bühnenmonolog über die Gefahren des Drogenschmuggels im Hinterausgang sein, „denn rektal vom Zoll gefilzt zu werden, versaut einem in jedem Fall die ersten Urlaubstage“. Oder eine Passage aus seiner schockierend vergnüglichen, mit Anfang 30 verfassten Autobiografie „My Booky Wook“, in der er von einsamer, kränklicher Kindheit schreibt, von erlittenem Missbrauch und Suizidversuchen – die er allein dank der Musik von The Smiths und einiger VHS-Bänder überlebte. Welche Videos? „Mein Vater mochte nicht viel, nur Monty Python, Elvis-Auftritte und Pornos – also habe ich aus diesen Einflüssen im Wesentlichen meine Persönlichkeit geformt.“

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 19/10 auf den Seiten 48-49.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Männertrip“ im Kino in Berlin

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