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Ein Setbesuch bei Ari Folman

Dreharbeiten zu

Ein vorsommerlicher Tag wärmt das Trottoir in der Wiener Straße. Fußgänger sind mit Sonnenbrillen unterwegs, Taxifahrer kurbeln Scheiben runter. Vor dem „Wild at Heart“ tummeln sich am Donnerstagmittag Leute; Schwarz ist die Leitfarbe von Lederjacken, Fischnetzstrümpfen, Stiefeln. Gleich wird der kuriose Trupp die enge Tanzfläche des Kreuzberger Clubs bevölkern – und auf den Einsatz von Ari Folman warten. Der israelische Filmemacher dreht hier eine der letzten Szenen für seinen neuen Spielfilm. Der Arbeitstitel lautet „Der Kongress“, frei nach dem Roman „Der futurologische Kongreß“ von Stanislaw Lem, mit Robin Wright und Harvey Keitel hochkarätig besetzt. Als die Klappe fällt, gerät die Szenerie plötzlich in Bewegung, die Partymeute hopst und rockt.
Der KongressAuftritt Robin Wright; sie ordert einen Drink beim Bartender, unterhält sich brüllend mit ihm. Welche Worte gewechselt werden, können die zum Setbesuch geladenen Journalisten beim Blick auf den Kameramonitor nicht hören. Die Kneipenszene stehe relativ am Anfang der Handlung, erläutert nachher der Regisseur. Der Film, in dem Wrights Filmfigur auf ihren eigenen Namen hört, erzählt von einer Hollywood-Actrice Mitte Dreißig, die das lukrative Angebot eines Filmkonzerns annimmt, ihren Körper scannen zu lassen und ihr digitales Alter Ego an die Firma zu verkaufen. Ihr Abbild avanciert bald zum ewigjungen Star – während die alternde Wright bald von niemandem mehr erkannt wird. Ein Zeitsprung von 30 Jahren zeigt die Zukunft in der digitalen Illusionswelt, in der der Konzern durch Massendrogen das Bewusstsein der Menschen bespielt. Im Rahmen eines Kongresses – hier setzt die Sci-Fi-Story Lems ein – bei dem eine Revolte gegen die digitalen Herrscher ausbricht, gerät die gealterte Schauspielerin zwischen die Fronten.
Allzu fantastisch sei das Phänomen gescannter Schauspieler übrigens nicht, erzählt Folman. Die Prozedur sei technisch längst möglich, den im Film gezeigten „Scanning Room“ habe man in Los Angeles entdeckt. „Wir haben etwas genutzt, was es schon gibt.“ Wie bei seinem vorigen Spielfilm „Waltz With Bashir“ arbeitet der 48-Jährige auch in „Der Kongress“ wieder mit Animationen: Den Realszenen mit Wright als Mittdreißigerin steht die Erzählebene in der Zukunft mit übermalten Spielszenen gegenüber. Nicht zuletzt aufgrund der Grafik plant die Produzentengemeinschaft um die deutsche Firma Pandora die Filmpremiere erst für 2013, möglichst auf einem der Festivals in Cannes oder Venedig. Mit seinem Schritt ins Sci-Fi-Fach bewegt sich Folman denkbar weit weg von „Waltz With Bashir“, in dem der Filmemacher seine traumatischen Erlebnisse als israelischer Soldat im Libanon aufarbeitete. Er habe „etwas komplett anderes machen wollen“, erzählt er, „‚Waltz With Bashir‘ war so persönlich, dass ich eine Pause davon brauchte. Und Fantasy schien mir da das Beste.“ Die Filmfantasie besitze gleichwohl dokumentarische Züge, betont Folman. Zumindest trifft dies auf manche Zweige der Hollywoodindustrie zu.

Text: Ulrike Rechel

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