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„Ein Sommersandtraum“ im Kino

Ein Sommersandtraum

Heldentypen und liebenswerte Normalos gibt es viele im Kino. Seltener drehen sich Filme um echte Ekelpakete. Fabian Krüger verkörpert ein solches Exemplar in Peter Luisis drittem Spielfilm. In der Rolle des selbstzufriedenen Benno gibt der Schauspieler des Wiener Burgtheaters einen sozial ähnlich bedenklichen Charakter wie einst Jack Nicholson in „Besser geht’s nicht“: Er ordnet seinen Alltag und seine Umgebung pedantisch, beginnend im Morgenmantel auf der Badezimmerwaage, bevor er hinaus tritt in Zürichs schmucke Altstadt. Den Sex mit seiner schönen Freundin betreibt Benno als Trainingseinheit, und wenn er seinen Arbeitskollegen im Briefmarkenantiquariat mobbt oder die Partitur seines Musikerfreundes kleinredet, dann findet ein überlegenes Schmunzeln den Weg in sein Gesicht. Zu den heiligen Ritualen zählt es auch, die spröde Cafй-Betreiberin Sandra (Irene Brügger) zu beschimpfen, die sich zur späten Stunde auf ihre Weise rächt. Dann probt sie elektroverstärkt selbst geschriebene Tangos auf Schwyzerdütsch – und bringt den Klassik liebenden Obermieter in Rage.
Viel galligen Witz zieht der Film aus dem Schlagabtausch seines Antipärchens, das doch mindestens mit der jeweiligen Liebe zur Musik eine Gemeinsamkeit hat. Doch statt seinen Film als Paar-Kabbelei nach Holly­wood-Vorbild weiterzuspinnen, bringt Regisseur Luisi, der auch das Buch schrieb, eine surreale Ebene hinein. Eines Tages rieselt feiner Sand aus Bennos Hemdsärmel. Erst wenig, doch bald zu viel, um den Makel vor der Öffentlichkeit zu verbergen; da hilft auch Abkleben mit Gaffa-Tape wenig. Aus der Traumlogik entlehnt scheint die unheimliche Plage, die den Egomanen dazu zwingt, der Ursache des Problems, im Zweifel sich selbst, zu ergründen. Doch statt sich tiefenpsychologisch abzuarbeiten – der Therapeut meint zum Sandthema seines Klienten nur: „Schöne Metapher!“ –, führt die Geschichte so kühn wie konsequent weiter ins Surreale. Als Benno mit den Körnern auch gleichzeitig bedenklich Eigensubstanz einbüßt, klingt stimmig der alptraumhafte Selbstverlust aus Kafkas „Verwandlung“ an. Die Lösung führt auch in Peter Luisis leichthändigem Film ins Traumreich, und zwar ganz wörtlich.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Ein Sommersandtraum“ im Kino in Berlin

Ein Sommersandtraum, Schweiz 2011; Regie: Peter Luisi; Darsteller: Fabian Krüger (Benno), Irene Brügger (Sandra), Beat Schlatter (Max); 91 Minuten; FSK 6

Kinostart: 21. Juli

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