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Ein Vogel? Ein Flugzeug? Nein, Superman!

Dark KnightBlickt man auf die Spitze der deutschen Kinocharts, findet man da Mitte Juli ausnahmslos Comicverfilmungen. Auf Platz drei wütet mit „Der unglaubliche Hulk“ eine grüne Mischung aus King Kong und Frankensteins Monster. Platz zwei verteidigt ein heldenhaft mopsiger „Kung Fu Panda“. Und als Spitzenreiter zischt Hollywoodstar Will Smith als Superheld „Hancock“ durch den Luftraum über Los Angeles. Es ist also keine schlechte Idee, wenn das Kino Babylon Mitte ein ausgedehntes Filmfestival zum Thema Comics auf die Beine stellt. Amazing Stories heißt es und findet den ganzen August über statt.

Wer hätte zu hoffen gewagt, un­terschätzte Realverfilmungen über den Raketenmann „Rocketeer“ (1991) mit Jennifer Conelly oder den kunterbunten „Dick Tracy“ (1990) mit Madonna jemals wieder auf großer Leinwand sehen zu können? Und bei David Cronenbergs knüppelhartem Thril­ler „A History of Violence“ (2005) mag man gar nicht glauben, dass er auf einer Graphic Novel (so nennt man vorsichtshalber Comics für Erwachsene) basiert. Bei den Japanern hat man ja sowieso das Gefühl, dass jeder zweite Film auf einem Manga basiert. Quentin Tarantinos Lieblings-Samurai-Blut­­spritz-Film „Lady Snow­blood“ (1973) macht im Festivalprogramm ebenso Sinn wie der psychedelische Horrorfilm „Uzu­maki“ (2000) oder der futuristische Ani­me-Klas­siker „Ghost in the Shell“ (1995). Mit Robert Crumbs schmutzigem Kater „Fritz the Cat“ (1972) und der irrwitzigen Doku „Crumb“ (1994) gedenkt man auch dem Comic-Untergrund.
Vornehmlich wird das Festival allerdings von Superhelden dominiert. Auch das macht Sinn. Denn derzeit befinden wir uns in einem regelrechten Superheldenboom, der auch so bald nicht abreißen wird. Der Erfolg von millionenschweren Comic-Adaptionen wie „X-Men“ oder „Spider-Man“ hat den Comic-Konzern Marvel vor dem Bankrott gerettet, und der produziert nun selbst Superheldenfilme fürs Kino wie zum Beispiel „Iron Man“ oder „Der unglaubliche Hulk“. Aber geht es uns wirklich so schlecht, haben wir derzeit tatsächlich solche Exis­tenz­ängste, ist die Erde wirklich ein so komplizierter Ort geworden, dass wir auf einen Weltenretter im Strampelanzug hoffen müssen, der die Sache für uns regelt?

The Dark Knight

Wenn sich Menschen verstärkt dem Glauben zuwenden, zu Kirchentagen pilgern oder religiös angehauchten Sekten beitreten, ist das meistens ein Zeichen für unruhige Zeiten. Im popkulturellen Bereich zeugt hingegen das vermehrte Auftauchen von gottgleichen Figuren vom Ernst der Lage. Denn der Superheld ist eine Krisenerfindung. Die Zeit der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1938 ist auch die Geburtsstunde des amerikanischen Übermenschen Su­perman. Auf dem ersten Bilderheftchen der Serie „Action Comics“ sieht man den Stählernen mit Leichtigkeit ein Auto in die Höhe heben. Ganz so, wie Will Smith das als asozialer Supermensch in dem aktuellen Block­buster „Hancock“ tut. Am deutlichsten wird das Göttliche des Superhelden wohl in „Superman Returns“ von Bryan Singer. Hier gibt sich Supi als an uns und sich selbst zweifelnder Erlöser. Er droht uns gar wegen unserer Unzulänglichkeiten mit der kalten Schulter. Schade, dass ausgerechnet dieser Film nicht auf dem Fes­tival zu sehen ist.

Superman

Dafür kann man aber Richard Donners „Superman“ aus dem Jahr 1978 bewundern. Der Film war damals mit einem Budget von 55 Millionen Dollar schwindelerregend teuer und ist verantwortlich für die neue Ernsthaftigkeit im Superheldenfilm. Zuvor hatten sich die Superhelden zumeist nur in quietschbunten TV-Serien lächerlich gemacht. An die Computerisierung des Kinos war noch nicht zu denken, und so flog der gut aussehende Hauptdarsteller Christopher Reeve noch an unsichtbaren Drähten durch diesen und die beiden vergnüglichen Sequels „Superman 2 – Allein gegen alle“ (1979) und „Superman 3 – Der stählerne Blitz“ (1983).
Trotz Supermans 70. Geburtstag muss die neue düstere Batman-Verfilmung „The Dark Knight“ wohl als Höhepunkt des Festivals bezeichnet werden, die hier schon einen Tag vor dem regulären Kinostart zu sehen sein wird. Dem Film von Chris­topher Nolan eilt ein guter Ruf voraus. Vor allem der im Januar verstorbene Heath Ledger als diabolischer Gegenspieler Joker soll Großartiges leis­ten. Beim Wie­­dersehen von Tim Burtons „Batman“ aus dem Jahr 1989 lässt sich vorab noch einmal Jack Nicholsons verspielte Version des Jokers begutachten. Der war übrigens sauer, dass er diesmal nicht mitspielen durfte.

Hancock


Überhaupt sind es oft die fins­teren Bösewichte, die dem hell erstrahlenden Helden im Film die Schau stehlen. Und wenn Batman immer düsterer werden muss, um seine Gegner zu erschrecken, sich das rot-blaue Kostüm des Wandkletterers in „Spider-Man 3“ pechschwarz einfärbt, Hancock hilflos an der Flasche hängt und bei Hellboy gar nicht mehr auszumachen ist, ob er nun gut oder böse sein will, sollten wir langsam anfangen, an unseren übermenschli­chen Weltrettern zu zweifeln. Viel­leicht ist es inzwischen so weit, dass sich unsere strauchelnden Helden ebenso überfordert fühlen wie wir. Vielleicht sind sie auch einfach nur erwachsen geworden? Die Zeiten, in denen ein gut gelaunter Patriot wie Captain America den German supervillain Adolf Hitler mit einem gezielten Schwin­ger vom Cover eines Comic-Heftchens fegen konnte, sind jedenfalls vorbei. Die unter der Regie von Nick Cassavetes angekündigte Verfilmung von „Captain America“ wird zeigen, zu was Su­per­helden heute noch taugen. Derzeit lassen sie auf jeden Fall die Kassen klingeln und sind damit zumindest noch die Retter von Hollywood.

Text: Jörg Buttgereit

Amazing Stories – Festival der Comicverfilmungen, Fr 1. bis So 31. August im Babylon Mitte, Eröffnung am 1. August mit der Deutschland-Premiere von „Peur(s) du noir – Fear(s) of the Dark“, Vorpremiere von „The Dark Knight“ am Mi 20. August

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