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Eindrücke vom Filmfestival Venedig

VenedigDie Baugrube ist noch da, nicht tiefer und größer als im letzen Jahr, ganz so, als hätte man nur die Erde aufgerissen und sich dann wieder von der großen Aufgabe mit Schrecken abgewandt. Das Festival von Venedig will seinen jahrzehntelangen Investitionsstau überwinden und sich neben seinem traditionellen Spielort im Casino und der benachbarten Sala Grande ein angemessen modernes Festivalpalais bauen, aber damit geht es nicht so recht voran. Bauzäune, manche halbwegs glamourös dekoriert, umgeben nun das imposante Casino am Lido von Venedig. Überhaupt kämpft man auf allen Ebenen mit leichten Startschwierigkeiten in diesem Jahr, aber das gehört zum Charme der Mostra, die mit ihrer spektakulären Kulisse und mehr noch mit der Leidenschaft ihres Direktors zu bestechen weiß. Seit sieben Jahren leitet Marco Müller Venedig und seine Liebe zum asiatischen Kino, die bis in die hintersten Genrewinkel reicht, zu rauem europäischem Autorenfilm oder avanciertem Animationskino gibt dem Festival eine ganz besondere Kontur.
VenedigPassend, dass als erster Film im Wettbewerbsprogramm Andrew Laus „Jingwu fengyun – Chen Zhen“ (außer Konkurrenz) der Presse präsentiert wurde. Lau, der seine Karriere als Kameramann für Wong Kar-wai begonnen hat, spielte zuletzt schon in seiner „Infernal Affairs“-Reihe furios mit vielfach gebrochenen Figuren und auch hier wieder haben seine Helden mehr als nur ein Geheimnis. Im Shanghai der 1920er Jahre verstrickt er seinen Helden in die Ränkespiele zwischen japanischen Okkupatoren und chinesischen Warlords. Die Ueberfuelle seiner Subgeschichten kann er  nicht bändigen, aber ohnehin ist der Film als Mehrteiler angelegt, der sich in alle möglichen Richtungen weiter entwickeln wird. Sein athletisches Zentrum findet „Jingwu fengyun – Chen Zhen“ in Donnie Yen, passend für einen Filmhelden, den davor Bruce Lee (1972 in „Fistful of Fury“) und Jet Li gespielt haben. Die Konfrontation von japanischer und chinesischer Kampfkunst ist dementsprechend knochenbrecherisch, vom Kehlkopf bis zum Wadenbein wird hier mit Zeitraffergeschwindigkeit die Ordnung des Körpers durcheinander gebracht.
Physisch mithalten konnte da ausgerechnet Darren Aronofsky mit seinem Ballettfilm „Black Swan“, der nur leider von Anfang an zu überdeutlich und mit zu eindeutigen Zeichen die psychologischen Nöte seiner Heldin (Natalie Portman) ausmalt. Bemerkenswert und gelegentlich auch ziemlich komisch ist Aronofskys Sinn für die Selbstverstümmelungssehnsucht seiner Heldin, die ihre Doppelrolle in einer “Schwanensee”-Aufführung schwer überfordert. Subtilität ist seine Sache nicht, lieber fusioniert Aronofsky Powell & Pressburger mit Sam Raimis Horrorhumor, wenn er seiner Heldin digitale Federn wachsen lässt oder ihr die Gänsehaut vom durchtrainierten Körper zieht. Weil ihre finale Performance auch mit dem Filmende zusammen fällt, liefert „Black Swan“ den grandiosen Schlussapplaus gleich selbst mit. Wer die Ovationen im eigenen Abspann hat, muss sich um allfällig verhaltene Publikumsreaktionen bei der Weltpremiere weniger Sorgen machen.   
VenedigSeine politische Seite hat das Festival gleich am ersten Tag in der Nebenreihe Giornate degli autori behauptet, mit dem Screening eines Kurzfilms von Jafar Panahi, der mit Unterstützung und unter Schirmherrschaft des EU- Ratspraesidenten zustande kam. Die kleine Episode mit dem, Titel „The Accordion“ ist eine Auskoppelung aus einem längeren Film, an dem Panahi arbeitet. Für den Konflikt mit dem religiösen Übereifer findet Panahi eine, zumal angesichts seiner eigenen jüngsten Hafterfahrungen, überraschend friedfertige Lösung. Zwei Kindern, die musizierend vor einer Moschee betteln, wird im Handgemenge von einem religiösen Eiferer ihr Akkordeon gestohlen. Doch statt den Bruder mit einem Stein in der Hand Rache nehmen zu lassen, findet seine kleinere Schwester ein Arrangement mit dem Dieb, der selbst erfolglos mit dem Akkordeon zu betteln versucht. Panahi, vom Festival eingeladen, meldete sich am Premierentag mit einer Botschaft aus Teheran. „Ich warte auf das Visum, ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde, zu kommen. Es sind neun Monate, seit man mir meinen Reisepass abgenommen hat. Die Tage vergehen, aber ich verzweifle nicht. Trotz allem war ich und bleibe ich optimistisch.“

Text: Robert Weixlbaumer

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