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Eine Groteske mit Isabelle Huppter: „Home“ im Kino

Zu surreal für die Wirklichkeit des autobahnverrückten Transitlandes Schweiz mutete ihre Drehbuchidee an: Eine fünfköpfige Familie, halb heile Welt, halb Trash, hat es sich in einem abgelegenen Häuschen mit Garten, Plastikpool und Tischtennis­platte bequem gemacht. Die Ruhe und der weite Blick bzw. die uneinsehbare Gerümpelidylle und die Terror-Rockmusik der einen Pubertistentochter verdanken sich der unverkäuflichen Lage des Häuschens unmittelbar an einer ruhenden Autobahnstrecke.
Home“ nimmt sich viel Zeit, die skurrile Familienintimität zu zeigen. Die Mama (Isabelle Huppert) sieht puppig adrett aus wie aus einer 50er-Jahre-Waschmittel­reklame, der Papa (Olivier Gourmet) scheint die Ideal-Melange aus hippieskem Proletarier und verständnisinniger Vaterfigur zu sein. Drei Kinder vervollständigen das Glück: ein faulenzender Teenager, eine pflichtbewusste altkluge Rationalistin und ein achtjähriger kleiner Prinz, dessen Lausejungenpräsenz allein schon den Kinobesuch lohnt.
Der Rückzug ins private Glück wird auf die Probe gestellt, als ein Bautrupp den Asphalt komplettiert und per Radio die Eröffnung der Strecke bekannt gegeben wird. Plötzlich ist man abgeschnitten von den alten Wegen, Lärm und Abgase machen sich breit, ein endloser Zug von Familienkutschen zieht am Fenster vorbei. Die Modellfamilie spielt anfangs den legeren Alltag weiter, steigert sich dann jedoch in eine immer absurdere Beharrungsstrategie hinein. Die Mutter hängt am Zuhause, bis die Abschottung aller gegen die Außenwelt nicht mehr zu steigern ist. Spätestens da schwenkt „Home“ – für den Ursula Meier neben anderen Auszeichnungen den Schweizer Filmpreis erhielt – von einer unterhaltsam skurrilen Kritik am Autowahn in eine bizarre Parabel auf zeitgenössische Familienideologie um, wie sie sich im „Cocooning“ zeigt. Das familiäre Kuscheln kann auch die Luft abschnüren, warnt sie mit etwas zu eindeutigen Fingerzeigen.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Annehmbar

Zeiten und Orte: „Home“ im Kino in Berlin

Home, Schweiz/Frankreich/Belgien 2008; Regie: Ursula Meier; Darsteller: Isabelle Huppert (Marthe), Olivier Gourmet (Michel), Adйlaпde Leroux (Judith); Farbe, 97 Minuten

Kinostart: 25. Juni

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