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„Eine Karte der Klänge von Tokio“ im Kino

Manchmal trifft sich die Frau mit einem alten Toningenieur zum Essen. Dessen Voiceover leitet „Eine Karte der Klänge von Tokio“ von Isabel Coixet ein und beschreibt die Frau, sie heißt Ryu, als eine ernste, verschlossene Person. Die allerdings zu genießen versteht, wie bald festzustellen ist, als Ryu mit ihrem nächsten Opfer ins Lovehotel geht, statt es zu töten. Es kommt zu einer Art eruptivem Notsex zwischen der einsamen Killerin und dem sinnenfreudigen Weinhändler David, den vor Jahren die Liebe von Spanien nach Japan geführt hat. Doch diese Liebe, Midori, hat Selbstmord begangen, und Midoris Vater gibt David die Schuld, und deswegen soll der jetzt sterben.
Natürlich geht es nicht gut, wenn der Killer und das Opfer sich zu nahe kommen, auch wenn möglicherweise keine Liebe im Spiel ist, sondern nur die Sehnsucht nach der Wärme eines anderen und die Angst vor dem Alleinsein in der großen Stadt. Insofern ist der Ausgang, den diese Geschichte nehmen wird, rasch klar. Ihr Verlauf jedoch orientiert sich weniger an Regeln des Genres als vielmehr an der inneren Dynamik, die zwischen Ryu und David entsteht, und deren treibende Kraft der Kummer ist. Kummer über eine mit Schuld beladene Existenz, Kummer über den Verlust eines geliebten Menschen, Kummer über abwesenden Sinn.
Rinko Kikuchi und Sergi Lуpez spielen diese beiden verlorenen Seelen, die einander für kurze Zeit zu trösten vermögen, mit einer zarten Härte, die Verletzungen zu verbergen sucht und dabei tiefe Empfindungen offenlegt. Sie stellen erwachsene Charaktere in einem Film für Erwachsene dar, verzichten auf durchschaubare Psychologisierung und erlauben sich stattdessen komplexe Motive. Gemeinsam verwandeln sie den Handlungsraum, die wunderbare Stadt Tokio, deren nächtlichen Farbenzauber Coixet mit den Augen der auf den ersten Blick verliebten Fremden einfängt, von einer hektischen Metropole in einen im gemeinsamen Schmerz geteilten Zufluchtsort. Wie weit kann man gehen, wenn man mit dem ersten Schritt bereits zu weit gegangen ist?

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Eine Karte der Klänge von Tokio“ im Kino in Berlin

Eine Karte der Klänge von Tokio (Mapa de los sonidos de Tokyo), Spanien 2009; Regie: Isabel Coixet; Darsteller: Rinko Kikuchi (Ryu), Sergi Lуpez (David), Min Tanaka (Narrador); 109 Minuten

Kinostart: 5. August

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