Kino & Stream

Eine Nachbetrachtung der Viennale 2015

Tippi Hedren

Die Viennale ist ein Festival ohne Preise, von daher geht es entspannter zu als anderswo. Für die örtlichen Cineasten, die nicht zu den internationalen Festivals von Berlin, Cannes, Locarno oder Venedig reisen können, bietet sie die Möglichkeit, dort erstaufgeführte Filme sehen zu können, das ist nicht anders als hierzulande bei den Festivals in München oder Hamburg. Dass Wien allerdings darüber hinaus internationale Beachtung findet, liegt zum einen an den umfangreichen Retrospektiven, die in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum veranstaltet werden und vier Wochen dauern, also auch über die zehntägige Festivalzeit hinausgehen. Es liegt aber auch daran, dass die Viennale sogenannten Randbereichen des Kinos mehr Aufmerksamkeit schenkt als anderswo. Das gilt zum einen für Kurzfilme, die hier thematisch gebündelt werden, zum anderen für Filme aus dem Grenzbereich zwischen Dokument und Fiktion, die hier besonders gepflegt werden.
Trotz aller Entdeckungen, die man in diesen Bereichen machen konnte, stand die diesjährige Viennale im Zeichen zweier starker Frauen aus Hollywood, Tippi Hedren (Foto) und Ida Lupino.
Ida Lupino kennt man als taffe Frau aus Filmen mit Humphrey Bogart („High Sierra“), Robert Ryan („On Dangerous Ground“) oder Steve McQueen („Junior Bonner“). Dass sie darüber hinaus auch als Regisseurin tätig war und zwischen 1949 und 1966 sieben Spielfilme inszenierte, zudem eine Reihe von Episodenfolgen für Fernsehserien, dürfte nicht jedem bekannt sein. Sie tat das zudem zu einer Zeit, als sonst keine anderen Frauen in Hollywood hinter der Kamera standen. Und sie tat das mit einem originellen Blick auf die Wirklichkeit. Etwa in dem Film „The Bigamist“, dessen Thema eines Mannes zwischen zwei Frauen man ganz reißerisch hätte erzählen können – Lupino (die auch selber eine der Hauptrollen spielt) erzählt verhalten und lässt den Zuschauer Anteil nehmen an den widerstreitenden Gefühlen der drei Hauptfiguren. Außergewöhnlich vielschichtig sind ihre Figuren durchgängig, das ist bemerkenswert, zumal wenn man bedenkt, dass all ihre Filme B-Filme mit kleinem Budget waren. Lupino wurde nicht zum ersten Mal bei einem Festival mit einer Retrospektive gewürdigt, aber die geringe Besucherresonanz in Wien, in der Abschlusspresseerklärung vermeldet, ist schon bedauerlich. Für die Kunst des Unspektakulären sind die Zeiten zweifellos schwerer geworden.
Der Glamour, auf den auch kein noch so kleines Festival verzichten möchte, konzentrierte sich bei der Viennale diesmal auf eine einzige Person: Tippi Hedren, unvergessen aus den beiden Hitchcock-Filmen „Die Vögel“ und „Marnie“. Sie zierte, mit einem Motiv aus „Die Vögel“, nicht nur das Plakat der diesjährigen Retrospektive „Eine kleine Zoologie des Kinos“, sondern trat auch gleich dreimal – vor bzw. nach den Vorführungen dieser Filme – in einen Dialog mit dem Publikum. So erfuhr man, wie das einstige Model lernte, die Tiere zu lieben (später drehte sie mit ihrer Familie in Afrika den Film „Roar“, dem sie einige Blessuren zu verdanken hat) und sich zur Tierschutzaktivistin entwickelte. Natürlich ging es auch um das sich unangenehm zuspitzende Verhältnis zu ihrem Entdecker Hitchcock, der seine Vorliebe für Blondinen svengalihaft auch diesseits der Leinwand ausleben wollte. Tippi Hedren fasste das in einem definitiven Statement zusammen: „Er hat meine Karriere zerstört, aber nicht mein Leben.“ Allein schon dafür gebührt ihr Anerkennung.

Text: Frank Arnold

Foto: FosseTheCat / Creative Commons

Mehr über Cookies erfahren