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Eine Vorschau auf die Berlinale 2010

BerlinaleIhr eigenes Jubiläum feiert die Berlinale passend flächende­ckend. Drei Publikationen ziehen Bilanz: „Die Berlinale. Das Festival“ ist ein freundlicher Streifzug des renommierten Filmpublizis­ten Peter Cowie durch die 60-jährige Festivalgeschichte, „Play it again …! 60 Jahre Berlinale“ begleitet die von David Thomson kuratierte Retrospektive (beide erscheinen bei Bertz & Fischer). Im Verlag der „Süddeutschen Zeitung“ kommt parallel der großformatige Bildband „Die Berlinale“ heraus und eine DVD-Edition. Schon im Vorfeld sorgte die Konzeption der Reihe für Irritationen, weil etwa das Forum darin nicht berücksichtigt wird. Nur das sogenannte „offizielle Programm“ bildet sich hier in 22 DVDs von „Traffic“ bis „Rainman“ skizzenhaft ab. Ein enger, missverständlicher Ausschnitt aus dem, was die Berlinale wirklich repräsentiert.
Das Forum feierte sein eigenes Jubiläum schon im Sommer 2009 vor. In der Tat ist die moderne Gestalt des Festivals entscheidend von dieser Festival-Sektion geprägt, die nach dem 1970er-Skandal um Michael Verhoevens bayerischen Vietnamfilm „o.k.“, der nach Protesten von Jury-Mitgliedern den Abbruch des Wettbewerbs ini­tiierte, neben dem offiziellen Programm installiert wurde. Ulrich Gregor, von 1971 bis 2001 Leiter des Forums, war auch de jure gleichberechtigter Berlinale-Direktor neben Bauer (und danach Donner und de Hadeln). Auch nach dem Transfer der Forums-Leitung an Chris­toph Terhechte behauptet das Forum seine Stellung als Laboratorium des jungen Kinos, hält fest an den Publikumsgesprächen und seiner radikalen Perspektive auf Film als ewig junges Medium der Reflexion. Im schlanken Programm dieses Jahres bekommt man hier etwa neue Filme von Angela Schanelec („Orly“), Thomas Arslan („Im Schatten“) oder Dominik Grafs 490-minütiges Serienwerk „Im Angesicht des Verbrechens“ neben einem halluzinierenden Werk wie der postsozialistischen Pop-Drogen-Oper („Ya“) zu sehen.
Noch immer bilden Forum und Panorama gemeinsam das Herz des Fes­tivals. Panorama-Leiter Wieland Speck hat eine Auswahl zusammengestellt, die vom Ian Dury-Biopic „Sex & Drugs & Rock & Roll“ bis zu Spielfilmen über heterosexuelle Homo-Ehen in Spanien reicht. Zu Recht hält das Panorama, das Anfang der 80er Jahre auch als Konkurrenz zum Forum etabliert wurde, daran fest, queere Themen so prominent zu verhandeln: Die Freiheit zum Selbstentwurf der eigenen Identität und die begleitenden sozialen und ästhetischen Auseinandersetzungen sind zentrale Themen geblieben.
BerlinaleIn jedem einzelnen Film, hat Helmut Färber einmal geschrieben, steckt eine Erinnerung an alle früheren, und spätere kündigen sich bereits an. Für Festivals gilt das ebenso, und so steckt auch in der 60. Ausgabe die ganze, auch widersprüchliche Historie der Berlinale, die sie seit ihrer Eröffnung 1951 im Titania-Palast durchgemacht hat. Sie war zugleich politisiertes Schaufenster der Westberliner Freiheit und Filmkunstfest, ein Forum extremer ästhetischer und politischer Auseinandersetzungen, schwullesbisches Sub-Festival, Werkstatt linksbewegter Ideen, Plattform fürs osteuropäische und asiatische Kino, immer voller widerstreitender Ideen.
Das Bild, das Fritz Langs „Metropolis“ am Ende zeigt, ist das einer trügerischen Harmonie. Im Handschlag zwischen den revolutionären Kräften und der etablierten Elite steckt ein Moment, das skeptisch macht. Die Berlinale kann nur gewinnen, wenn sie die Konflikte nicht allzu sehr auszugleichen versucht und statt dessen aufs Gefährliche, Wilde, Kleine, Neue setzt. Die Berufung von Werner Herzog zum Jury-Präsidenten in diesem Jahr war jedenfalls ein Spielzug in die richtige Richtung. Der Mann mag keine filmischen Kompromisse. Und das allein verspricht schon das Beste für die 60. Berlinale.

Text: Robert Weixlbaumer

Grafik vom Brandenburger Tor: Christina Kim

Fotos: Harry Schnitger/tip

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