Kino & Stream

Eine Vorschau auf die Berlinale 2010

Metropolis am Brandenburger TorMan weiß nicht, wer in diesem Jahr auf der Berlinale triumphieren wird, aber immerhin schon, bei welchem Screening man sich am wärmsten anziehen sollte. Zu den vielen Spielorten des Fes­tivals, zu denen jedes Jahr neue hinzukommen, ist im Jahr der 60. Berlinale auch noch das Brandenburger Tor gestoßen. Am Abend des 12. Februar wird hierher, an den eisigen Pariser Platz, live aus dem Friedrichstadtpalast die Aufführung der rekonstruierten Fassung von „Metropolis“ übertragen. Eine monumentale Installation wurde dafür bei der amerikanischen Öko-Modedesignerin Christina Kim (dosa) in Auftrag gegeben: Ihr 300 Quadratmeter großer symbolischer Kinovorhang für das Brandenburger Tor besteht aus recycelten Film- und Berlinale-Plakaten, DVDs, Filmstreifen und anderen Materialien aus der Kinowelt. Dahinter wird am „Metropolis“-Abend eine Leinwand zum Vorschein kommen. Abgesehen von ein wenig Vaudeville-Spaß, der ja nie schlecht ist, wird das Gratis-Winter-Open-Air am Brandenburger Tor vor allem für einen Augenblick gesteigerter, vielleicht globaler medialer Aufmerksamkeit sorgen. Das Festival der bewegten Bilder produziert selbst sein eigenes Bild. Immer schon war das ein Teil des Festival-Kapitals.
Die Feier am Brandenburger Tor ist allerdings ein besonders passendes Emblem für die Berlinale in der Ära Kosslick. Nach Alfred Bauer, Wolf Donner und Moritz de Hadeln ist Dieter Kosslick der erst vierte Direktor des Festivals (wenn man sich bei dieser Zählung nur aufs „offizielle Programm“ konzentriert). Seit seinem Amtsantritt im Mai 2001 hat Kosslick Jahr für Jahr für die weitere Popularisierung des Festivals gesorgt. Die Berlinale ist aus internationaler Perspektive ein Festival für 19.000 Fachbesucher aus 136 Ländern, davon rund 4000 Journalisten (Bilanz 2009). Zugleich ist sie aber ein Berliner Publikums-Event. Das hebt sie weit von den großen europäischen A-Festivals Cannes und Venedig ab.
BerlinaleDiese Sonderstellung führt jedoch mehr und mehr zu einer neuen Art von Festivalökonomie. Mit über 270.000 verkauften Karten verdient sich die Berlinale selbst einen erheblichen Teil ihres Budgets. Kosslicks Strategie, die diesen Umstand mehr und mehr in Betracht zieht, hat inzwischen auch für eine erhebliche Aufblähung des Festivals gesorgt. Zu Wettbewerb, Panorama, Forum und Forum Expanded, Perspektive Deutsches Kino, Retrospektive (die dieses Jahr der Berlinale selbst gewidmet ist), zu Hommage (für Hanna Schygulla und Wolfgang Kohlhaase), den zwei Generation-Reihen und den Berlinaleshorts sind inzwischen die erweiterten Berlinale Specials und das Kulinarische Kino gekommen. Und auch bei den Spielorten hat sich das Spektrum ähnlich verbreitert, wenn auch in diesem Jahr eher als Geste an die vom Berlinale-Hype mitunter kräftig in Mitleidenschaft gezogenen Ki­no­betreiber der Stadt: 2010 zieht die Berlinale in den Kiez und besucht an jedem Festivaltag mit einer ihrer Sektionen (samt Rotem Teppich) ein anderes Programmkino der Stadt, vom Kreuzberger Moviemento bis zum Kino Hackesche Höfe in Mitte.
Der für die Reihe Berlinale Special geöffnete riesige Fried­richstadtpalast ist zwar für Kinovorführungen alles andere als ideal, doch hat er schon im letzten Jahr einen neuen Schauplatz kreiert, der das offizielle Programm zugleich erweitern und entlasten soll. Hier können auch die Stars des populärer ausgerichteten, deutschen Kinos ein Forum finden oder Arthouse-Filme Premiere feiern, für die sich im Wettbewerb kein Platz findet. Die aufgewertete Reihe will populärere Publikumsneigungen bedienen und beantwortet damit zugleich Bedürfnisse der Filmindustrie, die Kosslick als versierter Filmförderer immer auch im Auge hatte. Bloß die eigentliche Funktion der Berlinale, ein Programm jenseits kommerzieller Zwänge zusammenstellen zu können, erfüllt sich hier nicht immer.
Kosslick hat die Berlinale als genialer Organisator und Kommunikator, der er unbestritten ist, einen großen Schritt nach vorne gebracht. Er hat für die Versöhnung von Wettbewerb und Panorama mit dem Forum gesorgt (womit, wie Ulrich Gregor im letzten Sommer im tip-Interview anmerkte, vielleicht auch eine produktive Konkurrenz verloren gegangen ist). Und er hat, das war nach den De-Hadeln-Jahren wirklich sein Verdienst, den Wettbewerb, wenn auch immer noch in deutlicher paritätischer Verteilung, ganz jungen, exquisiten deutschen Filmen geöffnet. Für Filmemacher wie Valeska Grisebach („Sehnsucht“), Maren Ade („Alle Anderen“) oder in diesem Jahr Benjamin Heisenberg („Der Räuber“) schafft ein solcher Wettbewerbsauftritt tatsächlich mit einem Schlag die verdiente internationale Aufmerksamkeit.

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren