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„In einer besseren Welt“ im Kino

In einer besseren Welt

In Susanne Biers Filmen entfalten sich die Lebensentwürfe selten so wie geplant. Stattdessen bringt die dänische Regisseurin die Existenzen ihrer Figuren immer wieder kräftig ins Schleudern und sorgt häufig mit mächtigen Schicksalsschlägen für tiefste Erschütterungen, um dann mit emotionaler Nähe die Folgen dieser Gefühlsweltturbulenzen zu beobachten. In ihrem Dogma-Debüt „Open Hearts“ war das so, im Drama „Brothers“ auch und in „In einer besseren Welt“, für den Bier kürzlich den Auslands-Oscar erhielt, ist das nun nicht anders. Dafür zurrt sie verschiedene Handlungsstränge zusammen, die sie über zwei Familien zu zwei Schauplätzen in zwei denkbar unterschiedliche Kulturen führen.
In Dänemark versucht der jugendliche Christian, mit dem Krebstod seiner Mutter fertig zu werden, entfernt sich jedoch zusehends von seinem Vater und reagiert mit Hilflosigkeit und Wut. Als er Zeuge einer Ausei­nandersetzung wird, in die der überzeugt gewaltlos handelnde Vater seines Schulfreunds Elias verwickelt wird, drängt er den schüchternen Jungen, ihn bei seinem Racheplan zu unterstützen – mit verheerenden Folgen. Die Parallelhandlung zeigt Elias‘ Vater Anton in Afrika, wo er für mehrere Monate im Jahr als Arzt in einem Flüchtlingslager arbeitet. Als er dort einen selbstherrlichen Warlord behandelt, der für zahlreiche monströse Morde verantwortlich ist, werden seine Grundüberzeugungen auf den Prüfstand gestellt. So spiegelt Biers Film seine zentralen Erforschungen über die Entstehung von Gewalt, über Gerechtigkeit und die Strapazierfähigkeit von Idealen von der zivilisierten in die Dritte Welt, um zu illustrieren, dass die dänische Provinz und das afrikanische Lager in diesen Zusammenhängen nicht wirklich Welten auseinander liegen.
Die vielschichtige, bisweilen sehr ins Melodramatische gleitende Anordnung setzt sich derweil aus einer Vielzahl von Motiven zusammen: Es geht hier um Tod, Trauma und Trauer, um Einsamkeit, Trennung und gestörte Vater-Sohn-Beziehungen, wobei das etwas überkonstruierte Skript von ihrem Stammdrehbuchautor Anders Thomas Jensen einige Zufälle zu viel bemüht. Allerdings spielt nicht nur das hervorragende Ensemble stark dagegen an. Es gelingt Bier auch trotz aller offensichtlichen Schwächen im Verzicht auf eindeutige Lösungen für ihre moralischen Verknäuelungen und Dilemmas, die Zuschauergedanken über das Filmende hinaus in Bewegung zu versetzen.

Text: Sascha Rettig

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „In einer besseren Welt“ im Kino in Berlin

In einer besseren Welt (In A Better World), Dänemark/Schweden 2010; Regie: Susanne Bier; Darsteller: Mikael Persbrandt (Anton), Trine Dyrholm (Marianne), Ulrich Thomsen (Claus); 117 Minuten; FSK 12

Kinostart: 17. März

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