Gesellschaftspanorama

„Einsamkeit und Sex und Mitleid“ im Kino

Ein bitterböser Blick auf heutige deutsche Befindlichkeiten: die großartige Literaturverfilmung Einsamkeit und Sex und Mitleid

Foto: X-Verleih

Nieder mit dem Kätzchen-Kitsch! Gnadenlos geht der Baseballschläger auf ein Paar Porzellanmiezen nieder. Die Abbilder niedlicher Stubentiger können auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass es rau zugeht in der Welt, nicht nur in der virtuellen. Ein Blick in die Runde zeigt: arme Würstchen, soweit das Auge reicht. Ein geschasster Lehrer, der sich an der Welt rächen will. Ein Familienvater, der sich wie eine Bienendrohne fühlt. Dessen pubertierende Tochter, die den Lehrer einst skrupellos verleumdete. Der tiefreligiöse Klemmi, der sie tiefverzweifelt anhimmelt. Der großmäulige Junge, der ihr 100 Euro zahlen und sie lecken will. Auch die taffe Künstlerin will mit dem Supermarktleiter vom Datingportal eigentlich nur in die Kiste springen, während seine Exgattin den Typen vom Escort-Service hart rannimmt. Und noch ein paar mehr, die keine gute Figur abgeben. Das Personal ist zahlreich, die Querverbindungen sind es auch. Die Perspektive aber, die ist zielgerichtet und trifft die Gegenwartsgesellschaft tief ins Mark.
Wie ja auch der Titel dieses Films den Nagel auf den Kopf trifft: „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ – wer würde da nicht ­sofort freudig das ganz alltägliche Elend des ­modernen Lebens assoziieren? Ein Titel wie ein zynisches Grinsen, dereinst ersonnen vom Berliner Schriftsteller Helmut Krausser, der seinen Roman von 2009 so benannte. Der wiederum liefert die Vorlage für das fulminante Kinodebüt des etablierten Fernsehregisseurs Lars Montag, mit dem zusammen Krausser auch das Drehbuch schrieb.
So entstand schließlich dieses durchweg hervorragend besetzte Ensemblestück in Cinemascope, das auf political correctness pfeift und dem lauwarmen Mainstream-Kino Deutschlands in den fettgeförderten Hintern tritt. Und man fragt sich: Wo kommt der, wo kommt das auf einmal her? Und warum passieren Filme wie dieser nicht viel öfter?

Nun, weil sich kaum einer traut. Weil die ­Finanzierung schwierig ist, wenn es keine eindeutig positiv besetzten Helden gibt, ­allenfalls Opfer. Weil es nicht so einfach ist, Erniedrigten und Beleidigten dabei zuzusehen, wie sie andere Erniedrigte und Beleidigte erniedrigen und beleidigen; der Wiedererkennungseffekt könnte eine Spur zu hoch sein. Auch ins höhnisch-herablassende ­Gelächter kann man sich angesichts der ­gemein genau gezeichneten Charaktere nicht retten; es vergeht einem recht rasch und dann dauerhaft. Die Figuren und ihre Geschichten sind nicht auf den humoristischen Effekt hin angelegt, und auch wenn sie mitunter grotesk wirken, sie sind fest verwurzelt in der Wirklichkeit – und der Lächerlichkeit preisgegeben werden sie nicht.

Dies ist eher sarkastische Tragödie denn Tragikomödie und meint es ernst mit der ­Anklage einer Gesellschaft, die Individualismus zuvörderst als hedonistische Selbst-Befriedigung missversteht. Mitleid, Mitgefühl, Empathie ist nicht nur eine Forderung, die Krausser und Montag an ihr von der Egozentrik zerfressenes Stellvertreterpersonal stellen, das Mitleid suchen sie auch im Publikum. Weil mit seiner Hilfe womöglich noch etwas zu retten wäre: wir.

Einsamkeit und Sex und Mitleid D 2017, 120 Min., R: Lars Montag, D: Jan Henrik Stahlberg, Friederike Kempter, Rainer Bock, Start: 4.5.

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