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Berlinale 2017

„El Bar“ im Wettbewerb der Berlinale (Außer Konkurrenz)

In seinem hart gekochten Horror-Kammerspiel lässt der Spanier Álex de la Iglesia acht Menschen in einer apokalyptischen Situation miteinander agieren

Nach „The Dinner“ und „The Party“ geht es jetzt zum Absacker in „The Bar“. Nun hat die kleine Eckkneipe im Zentrum Madrids nichts mit Oren Movermans und Sally Potters Beiträgen im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb gemein, doch diese drei Titel drängen sich geradezu auf, sie zusammen als den Ablauf eines langen Tages zu denken. Die Bar von Álex de la Iglesia ist jene leicht heruntergekommene, aber mit hübscher Patina angereicherte Institution, wie sie in Spanien wohl zu Tausenden existieren. Man kehrt kurz ein, isst eine Kleinigkeit, trinkt Café oder einen Schnaps und geht wieder. So auch an jenem schicksalhaften Vormittag, als die hübsche Elena ihr Handy dringend aufladen möchte, Israel, der verwirrte Penner aus dem Kiez, ein belegtes Brot schnorren will und ein bärtiger Hipster am Tresen vor seinem iPad hockt. Durch das Gewusel torkelt ein großer, stark hustender Mann und verschwindet in der Toilette. Damit beginnt das Unheil, und im Eiltempo kippt die alltägliche Szenerie in ein paranoides Spektakel, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Das blanke Entsetzen macht sich breit und die acht verbliebenen Personen – sechs Gäste, die Chefin und eine Hilfskraft – sind auf sich allein gestellt. Nach anfänglicher Verwirrung und Angststarre brechen erst Misstrauen und Hass aus, dann Panik und Mordlust. Eine irrsinnige Spirale. In dem auf engsten Raum gefangenem Ensemble spiegeln sich gesellschaftliche Konflikte und soziale Hierarchien, die unter den extremen Bedingungen umso heftiger hervortreten: Tradition und Moderne, Wahnsinn und Besonnenheit, Macht und Ohnmacht – aber auch allgegenwärtige und mittlerweile wohl jedem Europäer bekannte Ängste vor Terror, Verschwörung und Lügenpresse.

„El Bar“ steht für die Welle ebenso kluger wie radikaler Horrorfilme, die in den letzten Jahren aus Spanien kamen. Nah an der Realität geschrieben und mit wenigen Spezialeffekten ausgestattet lassen sich Produktionen wie „REC“ (2007), „Sleep Tight“ (2011) oder „Julia’s Eyes“ (2010) in die Gattung Arthouse-Horror einordnen. Auch der 52-jährige de la Iglesia hat mit „Witching & Bitching“ aus dem Jahr 2013, einen Beitrag zum modernen spanischen Horrorfilm geleistet.

Den Humor hat er sich auch diesmal bewahrt. Er lässt auf ekelerregende Szenen Schrulliges folgen, spielt mit dem Genre, scheut nicht das Bizarre und bleibt dabei ganz der Autorenfilmer. Denn bei all dem Schock und Horror inszeniert de la Iglesia virtuos die Eigenheiten der einzelnen Charaktere, gibt ihnen Tiefe und Wandlungsfähigkeit und geht dabei derart rasant und brutal vor, dass einem schwindelig wird. Schade nur, dass man sich bei der Berlinale nur ganz selten traut, harte Genre-Kost wie „The Bar“, der hier außer Konkurrenz lief, ganz in den Wettbewerb aufzunehmen.

El Bar (OT) ES 2017, 102 Min., R: Álex de la Iglesia, D: Blanca Suárez, Mario Casas, Carmen Machi

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