Dokumentarfilm

„Eldorado“ im Kino

Rettende Boote: In Eldorado reflektiert der Schweizer Markus Imhoof erneut die Situation von Geflüchteten

Majestic/ Zero One

Aus der Schweiz, dem kleinen Land in der Mitte Europas, stammt eines der bekanntesten Sprachbilder für eine Flüchtlingskrise: „Das Boot ist voll“, so hieß es während der ­Jahre des Nationalsozialismus, als ­viele verfolgte Menschen, vor allem Juden, in der Schweiz Rettung suchten. 1980 ­verfilmte Markus Imhoof ein Buch von Alfred A. ­Häsler, das eben diesen Titel trug: „Das Boot ist voll“ war eine Anklage gegen ein reiches Land, das sich aus seiner Verantwortung stehlen wollte. Erst durch den Film ­wurde die Redewendung so richtig geläufig. Im Vergleich zu dem kleinen „Rettungsboot“ der Schweiz sind Deutschland oder gar die ­Europäische Union ziemlich große Schiffe, aber der Sinn bleibt der gleiche: Wie viele passen rein? Oder drauf?
Für Markus Imhoof gibt es also schon aufgrund seiner bisherigen künstlerischen Laufbahn gute Gründe, sich mit dem aktuellen Migrationsthema zu befassen. Der 76-Jährige hat allerdings zudem noch ein sehr persönliches Motiv, wie er in seinem neuen Dokumentarfilm „Eldorado“ erzählt: Aus seiner Kindheit erinnert er sich an eine Italienerin namens Giovanna, die, nur wenige Jahre älter als er, damals auf den Hof seiner Eltern kam, um dort „aufgefüttert“ zu werden. Nicht nur aus Deutschland suchten damals Menschen Hilfe in der Schweiz, auch aus Italien.

Mit diesen Erinnerungen im Kopf stach ­Imhoof für „Eldorado“ in See. Er ließ sich auf einem Schiff der italienischen Marine „embedden“, das Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufnimmt und nach Europa in vorläufige ­Sicherheit (und in die Asylprozeduren) bringt. Bilder dieser Art kennt man aus dem Fern­sehen, allerdings wird man dort selten so ­genau beobachten können, wie das alles ­abläuft, wenn Experten in Schutzanzügen die Menschen in Empfang nehmen, die zuerst einmal wie potenzielle Infektionsträger ­behandelt werden. Die Quarantäne dauert nicht lange, aber es ist doch ein deutliches Bild für die Verhältnisse: hier eine hoch technisierte ­Zivilisation, auf der anderen Seite das (fast) nackte Leben.

Zwei Bewegungen laufen in „Eldorado“ parallel: Imhoof verfolgt den Weg des italienischen Schiffs und seiner Passagiere bis in ein Lager in Italien. Und er erzählt die ­Geschichte von Giovanna, die für den Knaben, der Imhoof damals war, in vielerlei Hinsicht prägend geworden ist. Seine eigene Lebens­geschichte passt genau zwischen diese Linien: Denn Imhoof hat als Mensch und als Künstler in jeder Hinsicht von der zunehmenden europäischen Integration profitiert, er hat später mit seiner Familie in Mailand gelebt, und er konnte sich als Weltbürger mit dem Bienensterben befassen (sein Film „More Than Honey“ war 2012 sehr erfolgreich).

„Eldorado“ lebt also vor allem von dieser beziehungsreichen Position seines Erzählers. Der Vorzug des Films liegt darin, dass er nicht einfach ein Geschehen zu dokumentieren versucht, das von außen an eine Gesellschaft herangetragen wird (an das Deutschland in den Grenzen der „Erklärung 2018“ etwa), sondern dass er zeigt, dass „Eldorado“ und Inferno (oder Boot und Ertrinken, in einem anderen Bild) historische Größen sind. Und an die Verantwortung vor der Geschichte ­erinnert sein Film auf eine fast schon ­intime Weise. Das gibt ihm eine große Kraft.

Eldorado CH/D 2018, 95 Min., R: Markus Imhoof, Start: 26.4.

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