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Emmanuelle Demoris im Gespräch

Mafrouzatip Vermutlich werden Sie keinen der Protagonisten gegenüber den anderen privilegieren wollen, aber haben Sie einen Favoriten? Den Sänger Hassan vielleicht, der mit seinen zum Teil sehr schmutzigen Liedern die Hochzeitsgesellschaften unterhält, sich aber oft auch als nachdenklicher junger Mann erweist?
Emmanuelle Demoris Mit Hassan ging es natürlich um Attraktion, er hat seinen Charme spielen lassen. Aber es wäre wirklich eine Verkürzung, da jemand hervorzuheben. Die ersten drei Filme sind vielstimmig, man sieht verschiedene Figuren, sie werden noch nicht so stark individualisiert. In Teil 4 geht es um eine Beziehung zwischen Adel und seiner Frau, in Teil 5 geht es um einen Kaufmann, der auch ein Imam ist und sich mit den Fundamentalisten herumschlagen muss.

tip Das bringt uns zu einem wichtigen Aspekt von „Mafrouza“. Als westlicher Zuschauer achtet man fast schon unwillkürlich stark auf die Rolle der Religion.
Emmanuelle Demoris Auf jeden Fall, nur ist das eben oft nicht ganz so, wie man es sich vorstellt. Ich will das an einem Beispiel aus der Untertitelung belegen. Die Leute sagen sehr oft: Wenn Gott mir dazu die Gelegenheit gibt, zum Beispiel wenn sie hoffen, irgendwann einmal ein Haus zu kaufen. Wenn diese Formulierung auch beim Mitlesen so oft vorkommt, klingt das natürlich, als wäre Gott sehr wichtig für sie. Aber das ist nur eine Redewendung nahezu ohne Bedeutung, sie sagt nichts aus über den individuellen Glauben. Das wurde mir dort klar. Religion ist Teil des sozialen Lebens, aber nie kam mir vor, dass die Leute durch die Religion verdummt oder unterjocht wären.

Mafrouzatip Sie halten auch Distanz zu den Muslimbrüdern.
Emmanuelle Demoris Es gab keine Fundamentalisten in dieser Gegend, die ja doch bis 2007 um die 10?000 Bewohner hatte. Gegen Ende kamen die Fundamentalisten, sie verteilten Essen und predigten. Aber soweit ich sehen konnte, hat es nicht funktioniert. Die Leute haben die Frommen auf eine sehr ruhige und einfache Weise kritisiert, emotional und rational. Die Leute von Mafrouza haben eine starke Fähigkeit zur Ausgewogenheit. 2007 wurde das Viertel geschliffen, die Bewohner sollten in Wohnbauten umgesiedelt werden, mussten aber de facto noch lange Zeit in Zelten auf den Ruinen wohnen bleiben,  was schrecklich war, denn es war Winter und regnete viel. Da gingen die Leute zu den Muslimbrüdern und sagten: Ihr habt eine Moschee, können unsere Frauen eure Toilette benützen? Und da sagten die Brüder: Nein.

tip Wie haben Sie die Wochen der Protestbewegung in Ägypten erlebt?
Emmanuelle Demoris Ich telefonierte natürlich ständig mit den Freunden, die ich beim Drehen von „Mafrouza“ gefunden habe. Einerseits sind sie wirklich stolz und glücklich. Sie atmen frische Luft, man kann nun in der Öffentlichkeit ganz anders und viel freier reden. Andererseits brauchen sie in erster Linie Arbeit, und sie wissen, dass sie das nicht in drei Wochen bekommen werden. Nach den Wahlen wird sich erweisen, ob die Politik in die auch für sie richtige Richtung geht. Zu Beginn waren sie eher unsicher, denn sie sahen nur das nationale Fernsehen, das sehr einseitig berichtete. Dann aber bekamen sie Informationen von anderer Stelle, sie sahen auch Al Jazeera, und einige fuhren schließlich sogar nach Kairo.

Interview: Bert Rebhandl

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Zusatzinformationen: Langzeitbeobachtung

Vor zehn Jahren kam Emmanuelle Demoris zum ersten Mal nach Mafrouza – seit dem vergangenen Jahr ist ihr fünfteiliger Zyklus, den sie dort gedreht hat, abgeschlossen und war seither auf zahlreichen Festivals zu sehen, meistens jedoch nur in Teilen in der Reihenfolge des Entstehens. Das Kino Arsenal zeigt nun alle fünf Teile im Zusammenhang, die Regisseurin wird persönlich zu Gast sein und die Filme einleiten.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Mafrouza“ im Kino in Berlin

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