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Emmanuelle Demoris im Gespräch

Emmanuelle Demoristip Frau Demoris, Sie haben für „Mafrouza“ mehrere Jahre in einem Armenviertel im ägyptischen Alexandria gedreht, in dem Menschen auf einer antiken Totenstadt leben. Wie kam es zu diesem Projekt, das nun nach Abschluss fünf Filme mit mehr als zwölf Stunden Dauer umfasst?
Emmanuelle Demoris Vor zehn Jahren begann ich eine Filmrecherche über die Beziehung von Menschen zum Tod. Ich glaube, dass sich in diesem Verhältnis gerade eine Menge verändert. Ich bin damals mit dem Auto von Paris nach Italien und von dort weiter durch Tunesien, Libyen, Ägypten, Israel und Palästina gefahren und habe Leute befragt: Welche Jenseitsvorstellungen haben sie, hoffen sie auf Auferstehung, welche Beziehung haben sie zu den Toten? In Alexandria traf ich Archäologen, die Französisch sprechen. Sie hatten gerade die Nekropolis entdeckt, die einen großen Teil des Areals von Mafrouza ausmacht. Ich fand dann sehr schnell Zugang zu den dort lebenden Leuten, die sich als sehr witzig und klug erwiesen. Ich kam später mit einer Dolmetscherin wieder und stellte genauere Fragen.

tip Immer noch zum Thema Tod?
Emmanuelle Demoris Ja. Meine ersten Eindrücke erwiesen sich als korrekt: Diese Menschen sind wirklich sehr klug. Adel, einer der wichtigsten Protagonisten in meinem Film, beantwortete meine Frage über Himmel und Hölle. Seine Position war strikt humanistisch, er pries das Menschliche in starken Worten, er hatte auch das Vokabular dafür, und er hatte da nichts vorbereitet. Irgendwann wurde mir klar, dass das, was ich mit diesen Leuten zu tun hatte, nicht nur auf das Thema Tod beschränkt war – das haben mir die Leute auch gesagt: Warum willst du immer nur darüber reden? Der Umweg hat mich auf die richtige Spur gebracht. Ich wollte anfangs drei Wochen in Alexandria bleiben und blieb drei Monate, und das nächste Mal blieb ich schon sechsein­halb Monate, und insgesamt war ich über mehrere Jahre immer wieder dort.

Mafrouzatip Wie waren die Dreharbeiten in technischer Hinsicht?
Emmanuelle Demoris Ich verwendete eine kleine DV-Kamera, eine PD 150, die ist nicht sehr schwer, und das Mikrofon ist an der Kamera direkt angebracht. Kamera und Ton habe ich also selbst gemacht, dazu hatte ich jeweils Dolmetscher, die waren ein bisschen wie Schauspieler, die mit mir zusammen die Szenen, die Atmosphären geschaffen haben. Ich habe ein paar Mal versucht, mit eigenen Tontechnikern zu arbeiten, aber das ging nicht, dazu waren einfach die Räume zu klein, sodass umgekehrt das kleine Mikro auf der Kamera reichte. Während der Dreharbeiten kam einmal eine junge Frau zu mir, deren Mutter mir schon manchmal aufgefallen war. Ihre Mutter wollte mich sprechen, um mir zu sagen: Ich habe dich beobachtet, und mir ist aufgefallen: Wenn du nicht filmst, siehst du nett aus, wenn du aber die Kamera einschaltest, siehst du hässlich und gemein aus. Ich habe ihr sehr zu danken, denn sie machte mir klar, dass ich immer noch versuchte, die Dinge zu kontrollieren. Danach arbeitete ich anders, meine Energie ging mehr in die Beziehung mit den Menschen, sie sprechen auch direkt mit der Kamera, das zeigt, dass ich als Person dort war und nicht nur als Maschine. Von diesem Punkt an begann der Film erst, das zu werden, was er ist.

tip Die Leute erweisen sich als sehr besorgt über das Bild von Ägypten, das entsteht. Immer wieder denken sie laut darüber nach, welchen Medieneffekt es haben wird, dass sie sich filmen lassen.
Emmanuelle Demoris Das hat verschiedene Gründe. Erstens gibt es in Ägypten immer schon einen starken Nationalismus. Schon der antike Historiker Herodot beginnt seinen Text über Ägypten, indem er sagt: Sie sind sehr stolz auf ihr Land, und das zu Recht. Es gehörte aber auch zur Propaganda des Regimes, bestimmte Bilder zu unterdrücken, Bilder der Armut, die den Tourismus stören könnten. Viele Bilder wurden so blockiert. Andererseits sieht man manchmal Bilder von Ägypten als Dritteweltland, das ist dann das entgegengesetzte Klischee. Die Leute in Mafrouza sind sich sehr bewusst, welche Funktion diese Bilder haben, sie wollen sich dagegen schützen. Auch in der Revolution ging es um Ägypten und seinen Stolz. Es geht also bei ihnen um diesen Stolz auf das Land, das nicht der Regierung gehört.

Mafrouzatip Eine Frage zum Format: warum über zwölf Stunden, warum diese doch beträchtliche Dauer?
Emmanuelle Demoris Es braucht einfach Zeit, bis alle westlichen Annahmen an konkreten Erfahrungen korrigiert werden können. Es gibt eine Szene, in der eine Frau an einem Ort, der komplett vermüllt ist, einen improvisierten Backofen baut, um Brot zu backen. Wenn diese Szene drei Minuten dauert, dann ist das schockierend, dann sieht man nur den Müll. Jetzt hat die Szene 15 Minuten, und im zweiten Teil wird sie wieder aufgegriffen, und man sieht die Geduld, mit der diese Frau das Brot bäckt, dabei mit den Nachbarn spricht, sich mit ihrer Tochter beschäftigt, und schließlich auch noch einen heftigen Streit mit den Leuten hat, die den Müll verursachen. So erfährt man eine Menge über sie, und schließlich hat sich erwiesen, dass die lange Szene dazu führte, dass das Publikum sagte: Das Brot ist sicher sehr gut. Das ist der Effekt der Dauer in diesem Film.

tip Gibt es Vorbilder für Sie, Filmemacher oder Künstler, an denen Sie sich orientieren?
Emmanuelle Demoris Zunächst ist es wichtig, dass ich keinen Unterschied zwischen dokumentarischem und Spielfilm mache. Für mich gibt es einfach Film. Und wenn ich jemand nennen müsste, dann würde ich wohl gern Pasolini sagen. Für ihn ist die Wirklichkeit das Heilige. Und er hat darüber sowohl Spiel- wie Dokumentarfilme gemacht.

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