Kommentar

„Engstirnig“ von Lars Penning

Von Harvey Weinstein und seinen sexuellen Erpressungen abgesehen, haben Skandale an sich zuletzt wenig hergemacht in der Welt des Kinos.

Lars Penning

So geht es, wenn sich die liberale Zivilgesellschaft global durchsetzt: Dann ist die Freiheit der Kunst ein hohes Gut, und der Aufschrei von dogmatischen Splittergruppen, die in ­einem Film ihr Idol verunglimpft sehen, wird allenfalls pflichtschuldig registriert.
Doch unglücklicherweise sind in Europa die rechts-nationalistischen Strömungen wieder auf dem Vormarsch, und das betrifft auch die Wahrnehmung von ­Kinofilmen. Ein Beispiel sind die Auseinandersetzungen in Russland um den Kostümschinken „Mathilde“, der von einer vorehelichen Affäre des Zaren Nikolaus II. erzählt: Die Proteste der Kirche und einer monarchistischen ­Duma-Abgeordneten (die man nur dann begreift, wenn man weiß, dass die orthodoxe Kirche Zar Nikolaus II. heiliggesprochen hat), sowie Anschläge und Drohungen gegen Regisseur Alexej Utschitel und Hauptdarsteller Lars Eidinger haben eine Verschiebung der Premiere von „Mathilde“ um Monate nach sich gezogen. Viele russische Kinos wollen den Film aus Sicherheitsgründen nicht zeigen. Qualitativ mag „Mathilde“ (siehe S. 39) die Aufregung nicht wert sein. Als Warnung vor der Rückkehr von Kräften, deren engstirniges Weltbild uns eine genaue Definition von Kunst und Nicht-Kunst vorgeben will, dient die Affäre aber ­allemal.

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