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„Enter The Void“ im Kino

Enter the Void

„Der Tod öffnet keine Türe“, dröhnte ein Insert in „Seul Contre Tous“, Gaspar Noйs erstem Langfilm, mit dem er 1998 seinen gerechten Ruf als provokationsverliebter Filmemacher begründete. Mord und Missbrauch standen im Mittelpunkt des Erstlings, im rückwärts erzählten „Irrйversible“ (2002) schockierte Noй mit der gnadenlosen Sexualisierung von Gewalt und dem penetranten Ineinanderspiegeln von Paradies- und Höllenbildern. Die Lust an der Provokation regiert sein Kinouniversum noch immer, auch wenn sein jüngster Film für keine vergleichbare Aufregung sorgen wird.
Der Tod öffnet hier gleich eine ganze Reihe von Türen, aber den Wegweiser für diesen letzten Trip bekommt der Held von „Enter The Void“ auch gleich in die Hand: Das Tibetanische Totenbuch, eine Anleitung für die Seele auf ihrem Weg zu Wiedergeburt oder ins Nirwana, ist die letzte Lektüre des jungen Amerikaners Oscar (Nathaniel Brown), der seine Tage in Tokyo mit einem Drogengeschäft aufbessern will. In den Eröffnungsminuten, in denen Noй mit streng subjektiver Kamera die Welt mit den Augen seines jungen Helden betrachtet, legt er eine erste Spur durch Tokyo. Bis zum Augenblinzeln treibt er die Mimikry der Bilder, die ein eskalierender Polizeieinsatz jäh unterbricht. Unversehens liegt Oscar tot auf dem Boden einer Toilette, die Kamera über ihm, als schwebende Seele, die sich durch die Stadt und alle Erinnerungen bewegen wird, auf der Suche nach einem neuen Gefäß oder der Selbstvernichtung.
Für gewissen Exploitation-Spaß sorgt von Anfang an das Setting. „Sex. Money. Power“ heißt der Nachtclub, in dem die Schwester (Paz de la Huerta) des inzestuös verliebten Toten arbeitet und in dem der Film selbst der beste Kunde ist, wie später im Porno-Love-Hotel, aber Noйs Schaulust kann sich genauso gut auf eine detailliert ausgespielte Abtreibung richten. „Enter The Void“ quält den Zuschauer aber auch auf anderen Ebenen: Mit endlosen Repetitionen, ziellosem Herumkreisen der Kamera und einem Effektrausch, der kein Ende findet. Endoskopische Penis-in-Vagina-Shots sieht man nicht alle Tage im Kino, aber für Noй steckt darin kaum mehr als ein weiterer Akt der Selbstüberbietung, mit dem er wie sein Protagonist vor dem flieht, was er am meisten zu fürchten scheint: vor dem Stillstand der Erzählung.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Enter The Void“ im Kino in Berlin

Enter the Void, Frankreich/Deutschland/Italien 2009; Regie: Gaspar Noй; Darsteller: Nathaniel Brown (Oscar), Paz de la Huerta (Linda), Cyril Roy (Alex); 145 Minuten

Kinostart: 26. August

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