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Eran Riklis im Interview

Eran Riklis

tip Herr Riklis, Sie drehen Filme seit 1984. Würden Sie sagen, dass diese im Laufe der Jahre eher optimistischer oder pessimistischer geworden sind?
Eran Riklis Das ist eine gute Frage. Ich mache Filme über pessimistische Situationen, aber ich versuche, sie aus einer optimistischen Perspektive zu erzählen. Ich tue mein Möglichstes, mir meinen Optimismus zu erhalten, weil ich denke, dass es anders gar keinen Sinn machen würde. Wir wissen, dass gerade der Mittlere Osten ein sehr pessimistischer Ort ist. Das muss man niemandem mehr sagen. Aber deswegen finde ich es umso wichtiger, ein paar hoffnungsvolle Ansätze zu finden. Sie dürfen dabei aber nicht naiv sein. Es geht darum, zu zeigen, dass auch innerhalb einer schlechten Situation Gutes passieren kann. Und wenn ich es mir so überlege, würde ich behaupten, dass ich mich immer noch am selben Platz befinde, obwohl 30 Jahre vergangen sind. Was wohl bedeutet, dass es noch immer etwas zu hoffen gibt. Anders gedacht natürlich auch dies: dass sich leider nicht allzu viel verändert hat.

Mein Herz tanzttip Sayed Kashua, auf dessen Buch „Tanzende Araber“ Ihr Film basiert, ist arabischer Israeli und schreibt in verschiedenen Publikationen auf Hebräisch über die Situation von Arabern in Israel. Damit ist er überaus erfolgreich. Das klingt doch sehr hoffnungsvoll, oder irre ich mich da?
Eran Riklis Auch hier kann man wieder sagen, dass jede traurige Geschichte ihr Gutes hat. Sayed Kashua ist der Araber, den die Juden lieben zu lieben. Das geht auch mit einem gewissen Identitätsverlust einher. Es ist eine sehr komplizierte Situation. Auch „Mein Herz tanzt“ erzählt davon, wie es ist, zu einer Minderheit zu gehören. Und natürlich ist es auch Teil einer Identitätsfindung, diesen Umstand zu hinterfragen.

tip Inwiefern?
Eran Riklis Wenn ich Teil der Mehrheit sein möchte, muss ich dann aufhören, der zu sein, der ich bin? Muss ich mich verändern? Was darf ich behalten? Was will ich behalten? Solche Fragen. Es geht auch um den Druck, den die Mehrheit auf die Minderheit ausübt. Als ob Erstere sagen würde: Du möchtest zu mir gehören? Dann sei so wie ich. Du musst dich verändern. Trotzdem: In Israel leben 1,6 Millionen Araber. Und jeder und jede von ihnen hat eine andere Geschichte. Vielleicht kann man es ein bisschen mit der türkischen Gesellschaft in Deutschland vergleichen. Auf dem Papier ist alles in Ordnung, die meisten haben die deutsche Staatsbürgerschaft, arbeiten und so weiter. Aber es bleibt eine Fremdartigkeit, trotz allem. Sehr viele deutsche Mütter wären wohl nicht ganz glücklich darüber, wenn ihre Töchter mit einem türkischen Jungen nach Hause kommen würden. Das ist eine harte Realität.

tip Der Film zeigt zunächst Eyads Familie: seinen marxistischen Vater, die mysteriöse, sehr schöne Mutter. Die Szenen sind schnell und haben fast Comedy-Charakter. Ein ziemlicher Kontrast zum Rest des Films.
Eran Riklis Ich wollte das Stereotyp einer arabischen Familie ein wenig brechen. Außerdem dachte ich mir: Okay, die ersten 25 Minuten seht ihr eine Komödie. Es ist lustig und entspannend. Nach diesen Minuten verändert sich der Film und wird immer ernster. Man ist dann schon ein Teil von ihm geworden. Für mich war das auch ein dramaturgisches Experiment: zu sehen, wie ich mich von Comedy zu Drama bewegen kann, um dann fast mit einer Tragödie abzuschließen.

Eran Riklistip Sie arbeiten in „Mein Herz tanzt“ zum zweiten Mal mit dem Kameramann Michael Wiesweg zusammen, der bereits Filme für Dominik Graf und Thomas Arslan gedreht hat. Was gefällt Ihnen an seinen Bildern?
Eran Riklis Es ist eine Art von poetischem Realismus, die ich mag. Seine Bilder sind realistisch und direkt, gewissermaßen auch einfach, aber es ist eine Poesie in ihnen. Das passt gut, denn der Film ist im Grunde sehr simpel. Er erzählt eine komplizierte Geschichte, aber er ist geradeaus. Michael und ich können uns auch gut leiden.

tip Ihre Filme werden in keinem arabischen Land gezeigt. Ich frage mich, wie sich das für jemanden anfühlt, der sich selbst als Kosmopolit begreift.
Eran Riklis Die Wahrheit ist diese: Meine Filme werden nicht offiziell gezeigt. Ich weiß, dass sie auf DVD überall zu haben sind. Was mich aber durchaus traurig macht, ist die Tatsache, dass sie auf kein arabisches Filmfestival eingeladen werden. Es gibt so viele politische Entscheidungen, die nichts mit Kunst zu tun haben, diese aber trotzdem dominieren. Man kann in Israel jeden arabischen Film sehen, aber umgekehrt funktioniert es einfach nicht. Das hat eine lange Tradition, keinen Film zu zeigen, der aus Israel kommt, weil er mit israelischem Geld finanziert wurde. Aber eines Tages wird es geschehen. Ich fliege nach Beirut und werde eine große Premiere feiern.

Der ?Regisseur
Eran Riklis gehört zu den international renommiertesten Regisseuren Israels und beschäftigt sich immer wieder mit tragikomischen Episoden aus dem Zusammenleben von Israelis und Arabern. Filme wie „Zaytoun“ (2010), „Die syrische Braut“ (2004) und „Lemon Tree“ (Gewinner des Panorama Publikumspreises 2008), in dem eine Palästinenserin für den Erhalt ihres Zitronenhains kämpft, der abgeholzt werden soll, weil er an das Grundstück des israelischen Verteidigungsministers grenzt, machten Riklis auch in Deutschland bekannt.

Interview: Carolin Weidner

Fotos oben und mittig: NFP

Foto unten: Harry Schnitger

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Mein Herz tanzt“ im Kino in Berlin

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