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Essay-Doku: „Global Viral. Die Virus-Metapher“

Global_Viral_Die_Virus_MetapherMadeleine Dewalds und Oliver Lammerts Essay „Global Viral“ ist ein Film über Infizierungen, und das sowohl im tatsächlichen als auch im übertragenen, metaphorischen Sinn. Die Rede von den Viren – als weder lebendige noch tote Eindringlinge, die aufgrund ihrer optimalen Anpassungsfähigkeit einen Wirtskörper befallen und „umprogrammieren“ – hat sich vor allem seit dem 20. Jahrhundert als unheimliches und wirkungsmächtiges Phänomen auf zahlreiche Diskurse aufgesetzt.

Zur Untersuchung dieser Karriere passiert der Film Begriffe und Metaphern, die sich um Viren angelagert haben. Skizziert wird dabei eine Diskursgeschichte, die von biologischen und evolutionstheoretischen Begriffsklärungen bis zu den verschiedenen Einnistungen des Erregers als Stichwortgeber politischer und ideologischer Sphären reicht. Die medizinische Erforschung kommt dabei ebenso zur Sprache wie Cyber-Terrorismus, biologische Kriegsführung und virales Marketing.
Bei seinen interdisziplinären Verschaltungen setzt der Film dabei vor allem auf die Sprache. Wenn der omnipräsente Kommentartext nicht aus dem Off eingesprochen wird, reden Experten vor der Kamera – vor allem der auf der Rückbank eines fahrenden Taxis aufgenommene Philosoph Manfred Geier, aber auch Biologen, Computerexperten sowie ein mit dem HI-Virus lebender Aids-Kranker. Bisweilen etwas überumsichtig wird dabei Ordnung in das ins Kraut schießende Metaphern- und Wissensfeld gebracht. Historisch voranschreitend handeln die Sprecher Diskursformationen ab, mit besonderem Fokus auf philosophisch-kulturwissenschaftliche Erklärungsansätze – von Aristoteles bis zu Derrida und Baudrillard.

Der Ton dieses durchgängigen Sprechens ist oft etwas anstrengend gebildet, mit starkem Hang zu Fremdwörtern und philosophischen Maximen. Passend dazu haben die montierten Bilder, die meist aus wissenschaftlichen Archiven stammen, einen eher assoziativen, atmosphärischen Charakter. Unterlegt von sanft tuckernden Ambient-Sounds entstehen dabei unscheinbar wirkende Bildsequenzen, die den vielschichtig gebildeten Diskurs nicht zu sehr stören.    

Text: Michael Baute
Foto: deja-vu Film Hamburg/Quelle Brotfabrik Berlin
tip-Bewertung: Sehenswert

Global Viral. Die Virus-Metapher: Orte und Zeiten in Berlin
Deutschland 2010; Regie: Madeleine Dewald, Oliver Lammert; 80 Minuten; FSK 12

Kinostart: 23. August

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