Kino & Stream

Etikettenschwindel

Unlängst, aus Anlass der Veröffentlichung des Albums „Perfect Symmetry“, kam es zum ein oder anderen Streitgespräch über den Status von Keane. Darin wurde die erstaunliche Meinung geäußert, diese glatte und einfallslose Band hätte besonders am Anfang über einen starken Indie-Touch verfügt und diesen nie völlig abgelegt. Hier sieht man, zu welch krassen Fehleinschätzungen es heute kommen kann. Indie ist kein Prädikat mehr, sondern ein verwaschener Begriff, der wenig aussagt und überspitzt gesehen alle Musiker umfassen kann, die nicht einer Castingshow entsprungen sind.

Eyeless in Gaza
Früher war das anders. Da sahen sich Musiker wie Martyn Bates und Peter Becker alias Eyeless In Gaza einer völlig anderen Situation gegenüber. Punkrock hatte gerade ein Fanal enormen Ausmaßes gesetzt und für eine Mobilisierung kreativer Kräfte gesorgt. Entscheidend waren die mit Überzeugung vertretene Idee, ein ex­pe­rimenteller Gedanke, eine gesunde Do-it-yourself-Attitüde und meistens auch eine linke politische Gesinnung. Um die genialen Dilettanten kümmerten sich bevorzugt Idealisten, Freaks und Abenteurer mit eigenem Label. Einer davon war Iain McNay von Cherry Red Records. Ihm gefielen Typen mit Persönlichkeit, wie Eye­less In Gaza es sind. Bates konnte nie richtig singen, aber er hatte Feuer in der Stimme, manchmal auch eine romantische Ader und ein seltsames Gespür für sakral anmutende Melodien. Gemeinsam mit Beckers Synthesizer-Grundierungen verschmolz sein Vortrag zu einer Art von stolzer Avantgarde-Folklore, die bis heute Kult geblieben ist – nicht zuletzt deshalb, weil Bates und Becker als Künstler autark waren und sind. Immer noch veröffentlichen sie Musik auf Mini-Labels, nach wie vor steht ihnen der Sinn nach alternativer Unterhaltung.

Pigeon Detectives
Dasselbe lässt sich von den Pigeon Detectives nicht gerade behaupten. Die Rabauken aus der Umgebung von Leeds wollen im Grundsatz eine Punkband sein, aber ihre Melodien hämmern sich mit der Gewalt einer Polizeisirene ins Hirn und eignen sich zum Mitsingen in größeren Menschenmen­gen. Beide Alben des Quintetts schafften den Sprung in die Top Five der britischen Albumcharts. Problematisch sind die Pigeon Detectives nicht deshalb, wohl aber wegen ihrer frauenfeindlich anmutenden Texte, die sie ähnlich wie die Fratellis und Courteeners zu Lieblingen pöbelnder lads machen. Außerdem muss man sich wundern, warum sie für eine BBC-Compilation ausgerechnet „The Power Of Love“ von den kalifornischen 80er-Lackaffen Huey Lewis & The News gecovert haben. Da ist man bei Vampire Weekend weitaus besser aufgehoben. Das sind anständige und belesene New Yorker Studenten mit Hang zu exotisch-afrozentrischem Pop. Nur hat man bei ihnen den Eindruck, aus ihnen müssten gleich die neuen Strokes, also etwas Großes werden. Dass sie in einem Text explizit Peter Gabriel erwähnen und sich zu Paul Simons „Grace­land“ und nicht zu, sagen wir, King Sunny Adй oder den Bhundu Boys bekennen, macht sie auch nicht unbedingt zu klassischen Indie-Kandidaten.

Elbow


Guy Garvey, Sänger von Elbow, hatte in letzter Zeit viel Grund zur Freude. Gerade eben erst ist das aktuelle Album „The Seldom Seen Kid“ mit dem Mercury Music Prize prämiert worden, der wichtigsten Auszeichnung der britischen Pop-Kritiker. Andere würden so eine Ansage als Ritterschlag empfinden, aber Garvey lässt sich von solchen Erfolgen nicht beeindrucken. Er bastelt mit Elbow weiter an einem ganz eigenen Ding, das sich nicht an hysterischem Trendgetue, sondern am Leben in seiner Heimatstadt Manchester orientiert. „The Seldom Seen Kid“ ist dem verstorbenen Sänger Bryan Glancy gewidmet, der mit Mark Burgess (The Chameleons) und
I Am Kloot gearbeitet hat und ein guter Freund Garveys war. „Ich glaube, es ist richtig, wenn man sich lokales Flair bewahrt, gerade in diesen globalisierten gleichmacherischen Zeiten. Wenn man seine Herkunft unterdrückt, wirkt es am Ende nur bemüht und falsch“, sagt er. Hier erkennt man immerhin schon einmal einen Anflug von unabhängigem Geist. Leider klingen Elbow heute, da sie für eine große Plattenfirma aufnehmen, vom Sound her eine Spur zu üppig produziert.

Mogwai
Stellt sich natürlich die Frage: Gibt es in der Rockmusik überhaupt noch neuere Bands, bei denen das Wort Indie nicht mit Perfektion, Wohlklang, Massenverträglichkeit und Karrieredenken einhergeht und die dem rebellischen Geist aus Post-Punk-Zeiten wenigstens ansatzweise entsprechen? Natürlich, es bleiben ja noch Mogwai. Die Schotten haben sich inzwischen zwar aus ihrer Nische gespielt und überfahren den Zuhörer nicht mehr nur mit einem Orkan aus laut sägenden, verzerrten Gitarren, aber ihr neues Album „The Hawk Is Howling“ enthält mal wieder keine Texte oder Anbiederungen. Außerdem sind Mogwai Eigenunternehmer, die mit ihrem Label Rock Action andere Musiker fernab des Mainstream unterstützen. Komische Käuze, die sich Part Chimp, Errors oder Envy nennen. Echte, unfertige und aufregende Typen aus dem Untergrund also. So sollte es eigentlich öfter sein.

Text: Thomas Weiland


Vampire Weekend Kesselhaus,

Mo 3.11., 21 Ihr, VVK: 22 Euro
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets


Mogwai Huxley’s
,
Do 6.11., 20 Uhr, VVK: 25 Euro
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets


Keane Tempodrom,

Do 6.11., 20 Uhr, VVK: 29 Euro
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets


Elbow Columbiaclub
,
Fr 7.11., 21 Uhr, VVK: 21 Euro
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

Schon da gewesen:

Eyeless In Gaza Quasimodo,
Sa 1.11., 22 Uhr, VVK: 17 Euro
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets


Pigeon Detectives Lido
,
Sa 1.11., 20 Uhr, VVK: 17 Euro
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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