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„Every Thing Will Be Fine“ von Wim Wenders im Wettbewerb außer Konkurrenz

Every Thing Will Be Fine

Der Autor Tomas Eldan (James Franco) blickt mit schlimmster Vorahnung durch die Frontscheibe seines Wagens im Schnee – wie in diesem Film noch sehr oft Figuren durch leitmotivische Fensterscheiben schauen werden, bis kurz vor Schluss ein geöffnetes Fenster (und der Gang dadurch) das Finale möglich machen.
Tomas Edan jedenfalls glaubt zu Beginn, ein Kind überfahren zu haben, riskiert den Anblick, und ein Stein fällt ihm vom Herzen, denn der Junge lebt. Tomas schultert den kleinen Christopher und trägt ihn den Hang hoch zum Haus seiner Mutter Kate (Charlotte Gainsbourg). Die durchbricht den unwirklich heilen Moment: „Where is Nicolas?“ Denn Christopher hatte bis eben noch einen Bruder.
Diese dramaturgische Figur wiederholt Wenders viele Male: Man wiegt sich als Zuschauer immer wieder zu unrecht in Sicherheit oder wähnt sich zu unrecht kurz vor der Total-Katastrophe: Nein, Tomas versucht kein zweites Mal sich umzubringen. Nein, er ertrinkt sich nicht im Alkohol. Nein, seine Stieftochter erliegt keinem Unfall auf dem düsteren Jahrmarkt. Nein, das Leben findet alles in allem wieder in seine Bahnen. Nein, Tomas wird nicht mit Kate zusammenkommen – obwohl sie sich beim Telefonieren stets wie im gleichen Zimmer spüren. Nein, Christopher, der kleine Christopher von einst, wird Tomas zwölf Jahre später nicht mit dem Revolver zur Strecke bringen. Obwohl all das kurz im Raum der Möglichkeiten schwebt
Das Gespräch von Tomas und dem einst so stummen Christopher, das damals im Schnee nicht möglich war, findet schließlich statt – bloß schrecklich verkorkst. Und dann, weil beide es brauchen, noch mal auf Augenhöhe. Nicht zuletzt ist Tomas durch den Film hinweg mit dem (Selbst-)Vorwurf konfrontiert, dass er sein latentes Trauma als Ressource für die Kunst nutzt. Ein Porträt des Künstlers, als mit Narben gezeichnetem, aber eben nicht permanent leidendem Mann. Das ist subtil.
Trotz allem wirkt die hochkarätige Besetzung mit James Franco und Charlotte Gainsbourg nicht ganz auf Hochtouren, sondern vom Drehbuch leicht unterfordert, das von ihnen eben nicht die radikalsten Emotionen einfordert, sondern viel Zurückhaltung. Ebenso kommen übrigens die 3D-Effekte bloß so dezent zum Einsatz wie in kaum einem anderen Streifen: Die Objekte, die am tiefsten in den Raum, wie in den Seelenraum, greifen? Es sind Bücher. Eines davon wird verbrannt.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Donata Wenders / Neue Road Movies

Bären-Quote: Außer Konkurrenz/ Sehenswert

Termine: Every Thing Will Be Fine

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