Dokumentarfilm

„Ex Libris“ im Kino

Die Grundlage der demokratischen Gesellschaft: Der große alte Dokumentarfilmer Frederick Wiseman widmet sich in „Ex Libris“ der Public Library von New York

Koolfilm

Ein Biologe hält einen Vortrag, als ­Stimme für die Nicht-Religiösen, für jene, die in den USA nicht an den Kreationis­mus ­glauben. Kompetente Mitarbeiter ­versuchen, kom­plizierte und sehr spezielle Anfragen zu beantworten. Ein Autor liest aus seinem Buch über den transatlantischen Sklavenhandel und dessen Auswirkungen auf den Islam. Führungskräfte diskutieren in Finanzsitzungen öffentlich-private Partnerschaften. Der Musiker Elvis Costello stellt seine Autobiografie vor und unterhält das Publikum mit einem Video von seinem ­Vater, der im England der 1950er-Jahre in ­einer Jazzband sang.
Was im ersten Moment völlig disparat erscheint, sind Szenen aus dem Alltag der New York Public Library, einer öffentlichen Bibliothek mit über 90 Zweigstellen (darunter dem Schomburg Center for Research in Black Culture), wie sie vom großen US-amerikanischen Dokumentaristen Frederick Wiseman für seinen Film „Ex Libris“ festgehalten ­wurden: Veranstaltungen, Verwaltungs­vorgänge, ­bibliothekarische Arbeit.

Aus vielen Mosaiksteinen setzt sich in dem über dreistündigen Film, der wie bei Wiseman üblich ohne Kommentar und ­Interviews auskommt, schließlich das Bild einer bedeutenden Institution zusammen: wie sie funktioniert und am Laufen gehalten wird, was sie repräsentiert und wie sich verhält zu ihren vielen Besuchern und Mitarbeitern, die ihrerseits in ihren Handlungen davon geprägt werden.

Für diese Art des Institutionen-Porträts ist der heute 88-jährige Regisseur berühmt, seit der aus Boston stammende vormalige Jurist ab den späten 1960er-Jahren begann, mit Filmen wie „Titicut Follies“ (über „geisteskranke ­Kriminelle“ und ihre Verwahranstalt), „High School“ (über Lehrer, die aus ihren Schülern möglichst angepasste Erwachsene machen wollen) und „Welfare“ (über Arbeitslose und die Wohlfahrtsbehörde) die Interaktion zwischen gesellschaftlichen Institutionen und dem Leben der Bürger zu hinterfragen.

Dabei filmt Wiseman stets ohne vorherige Recherche, was er an seinen Drehorten vorfindet – denn seine schlussendliche Bedeutung erhält das Material erst bei der Montage. Ein extrem zeitaufwändiger Prozess, den er mir bei einem Interview, das ich einmal anlässlich seines Films „La Danse“ (2009) mit ihm führen konnte, ausführlich schilderte.
So dauert schon allein die Sichtung der Aufnahmen ein bis zwei Monate, der Schnitt des brauchbaren Materials in eine erste Form weitere sechs bis acht Monate. Nach der Fertigung einer ersten Fassung, die um etwa 30 bis 40 Minuten länger ist als der fertige Film, geht es in weiteren fünf bis sechs Wochen um die Herstellung eines filmischen Rhythmus’. Anschließend schaut sich Wiseman alles noch einmal an, was er zuvor verworfen hatte: „Manchmal finde ich noch eine Einstellung, die als Übergang dient“, erläuterte er, „manchmal aber auch eine ganze Sequenz, die mir nützlich erscheint.“

Wisemans Filme sind komplex und dabei alles andere als didaktisch: Als Zuschauer braucht man Geduld und Aufmerksamkeit, um das Geflecht der verschiedenen Zusammenhänge zu durchdringen und zu verstehen. Denn es geht um weit mehr als nur zufällige Beobachtungen. Nachdem der Regisseur in den letzten Jahren seine Themen vor allem in Europa fand (er dreht unter anderem Filme über das Ballett der Pariser Oper und die National Gallery in London), widmet er sich in „Ex Libris“ nun wieder den USA – und das nicht zufällig.

Während die reaktionäre und rassistische politische Führung seines Landes momentan auf die Spaltung der Gesellschaft bedacht ist, geht es in „Ex Libris“ vor allem um Teilhabe: an außerschulischer Bildung, am Internet (zu dem jeder dritte New Yorker sonst keinen ­Zugang hat), an kulturellen Veranstaltungen. Denn eine Bibliothek ist kein Bücherlager, wie eine Architektin hier einmal richtig sagt. Sondern, und auch das ist ein Zitat aus dem Film, „die Grundlage der demokratischen Gesellschaft.“

Das mag im ersten Augenblick hoch­gestochen klingen, aber für Wiseman ­repräsentieren Institutionen immer auch die Gesellschaft, in der sie existieren. Insofern ist „Ex Libris“ ein klarer Gegenentwurf zum Trump-Amerika der gestrigen weißen alten Männer – ein Film über das bunte Miteinander, die soziale Verantwortung, kulturelle Teilhabe und wichtige gesellschaftspolitische Forschungen. Auch das ist, allen Hiobsbotschaften zum Trotz, die uns tagtäglich den Kopf schütteln lassen, ein Teil der US-Kultur und Gesellschaft. Frederick Wiseman erinnert mit seinem tollen Film daran.

Ex Libris: The New York Public Library USA 2017, 197 Min., R: Frederick Wiseman, Start: 24.10.

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