Familienporträt

„Familie Brasch“ im Kino

Widerstand, Weltgeist und Wiedervereinigung: Nach „Vaterlandsverräter“ und „Anderson“ brilliert die Filmemacherin Annekatrin Hendel erneut mit einer ostdeutschen Biografie, diesmal jene der „Familie Brasch“

Foto: Salzgeber

Die besten Geschichten spielen in der Familie – das ist eine alte Weisheit, sie galt schon zu Zeiten des Patriarchen Abra­ham, und sie gilt auch noch im Zeitalter von „Game of Thrones“. Man muss aber gar nicht in mythischen Zeiten suchen, bis in die Gegenwart gibt es exzellente Beispiele für aufschlussreiche Dramen zwischen Vätern, Müttern, Söhnen und Töchtern.

Annekatrin Hendels Film „Die Familie Brasch“ kann man in jedem Fall als einen der großen Familienromane über Berlin ­sehen. Schon der Wikipedia-Eintrag über den Stammvater Horst Brasch verrät in ­einem kleinen Detail, dass es hier um Biografien und zugleich um Weltgeschichte geht: Geboren 1922 in Berlin, gestorben 1989 in Ost-Berlin. Zweimal dieselbe Stadt, und doch nicht. Horst Brasch war Jude, Katholik, vor allem aber Kommunist. Er starb ­wenige ­Monate, bevor aus Ost- und West-Berlin ­wieder ­Berlin wurde. Und er hatte vier ­Kinder, die in ­unterschiedlichem Maße mit seinem strengen Kommunismus zu kämpfen ­hatten: Thomas, Peter, Klaus und Marion. Von ­diesen vier Braschs und ein bisschen auch noch von deren Kindern erzählt Hendel ­(„Vaterlandsverräter“, „Anderson“). Vor allem aber lässt sie erzählen: die Menschen, die mit der ­Familie Brasch zu tun hatten. Thomas, Peter und Klaus leben nicht mehr, so wird ­Marion, die Jüngste, zu einer Kronzeugin, dabei ist sie ­diejenige, die gleichsam auf halbwegs ­sicherer Distanz zu den Kämpfen der ­Männer geboren wurde.

„Mehr Sozialismus“

Den Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen im Jahr 1968, als Horst Brasch, damals hoher Parteifunktionär in der DDR, seinen eigenen Sohn Thomas „verriet“. Es ging um die Niederschlagung des Prager Frühlings, und es ging um die Zukunft der DDR. Horst Brasch stand auf der Seite der bleiernen ­Orthodoxie, die mit Erich Honecker an der Spitze die restliche Lebenszeit der DDR ­bestimmen sollte. Thomas Brasch hingegen wollte eine DDR mit „mehr Sozialismus“, wie auch der spätere Maler Florian Havemann, einer der wichtigsten Zeugen für Annekatrin Hendel. Thomas Brasch wurde damals von der Stasi verhaftet und saß einige Zeit im Gefängnis.

Eine der Zeuginnen, die sich an diese Zeit erinnert, ist die Sängerin Bettina Wegner. Sie hat einen Sohn mit Thomas Brasch, der im Film auch auftritt, er macht nur wenige Worte, aber die sind markant. Wie in vielen anderen Familien auch gibt es bei den Braschs Mitglieder, die das Zentrum einnehmen, und andere, die sich lieber ein wenig absetzen. Es zählt zu den Verdiensten von Annekatrin Hendels Film, dass sie diese Verhältnisse klug abbildet und einbezieht: Thomas, der Künstler und Filmemacher, der in den ­Westen ging, steht auch bei ihr unausweichlich im Mittelpunkt. Aber sie akzentuiert diese ­Rolle, ­indem sie um ihn herum erzählen lässt. Aus den Interviews mit Gefährtinnen wie ­Katharina Thalbach oder Ursula Andermatt entsteht das Bild eines Charismatikers, der am Ende ­seinen eigenen hohen Ansprüchen nicht mehr gewachsen war: Thomas Brasch arbeitete nach dem Desaster mit seinem Filmprojekt „Der Passagier“ noch an einem literarischen Riesenwerk, das er als Ruine hinterließ.

Seine Brüder bekommen im Film ­weniger Raum, das scheint aber zu ihnen zu passen. Das, was wir über Peter und Klaus Brasch erfahren, ist angemessen konkret und ­diskret zugleich. Entscheidend ist, dass ­sie mit ­ihren Tätigkeiten als Schauspieler und ­Autoren wesentlich zu dem Feld der ­Kreativität ­beitrugen, das die Familie Brasch in der zweiten Generation war – und auch schon in der ersten, wenn man die Geschichte der Mutter Gerda hinzunimmt, einer Frau, die sich nicht verwirklichen konnte und früh starb. Sie ist vielleicht zuallererst ein Opfer dieser ­Familie. Auch das kommt zur Sprache, besonders ­aufschlussreich sind zudem die vielen ­Fotografien, die Annkatrin Hendel präsentiert.

Politisches und Privates

Thomas Brasch lebte nach der Wende in einer großen Wohnung am Schiffbauerdamm. Er starb 2001, der letzte der drei Brüder, von ­denen keiner auch nur 60 Jahre alt wurde. Wenn man das alles nur als eine komplizierte ­Verschränkung von Politischem und Privatem sehen wollte, dann wäre das auch schon Stoff genug für einen guten Film. Annekatrin ­Hendel setzt bewusst als Leitmotiv zwischen die einzelnen Kapitel ein Bild, das einem alten Familienporträt in Öl nachempfunden ist. Damit spielt sie auf ein bürgerliches Genre an, das in Thomas Manns Roman über die „Buddenbrooks“ bereits einen Höhepunkt erreichte.

Die Geschichte der Braschs ist aber auch die Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt: Die eigentliche Brisanz gewinnt der Film durch die Präsenz der DDR. Selbst Marion, die in New York gelebt und die Welt gesehen hat, deutet am Ende an, dass es mit der Wiedervereinigung vielleicht zu schnell ging – und dass sie zu Bedingungen stattfand, die all das unterschlugen, wofür die jüngeren Braschs und ihre Freunde in der intellek­tuellen DDR-Bohème gekämpft hatten: „Man hätte mit diesem Land auch noch etwas ­anderes versuchen können.“

Bettina Wegner/ Salzgeber

Dieser Geist zeigt sich in Annekatrin Hendels „Die Familie Brasch“ in vielen ­Kleinigkeiten, er zeigt sich so verletzlich, dass man versteht, warum daraus kein historischer Faktor wurde. Heute haben aus den „Neuen Bundesländern“ ganz andere Geschichtsverständnisse an Bedeutung gewonnen. Umso wichtiger ist diese Erinnerung an eine Familie im Zeichen von Weltgeist und Widerstand.

Familie Brasch D 2018, 103 Min., R: Annekatrin Hendel, Start: 16.8.

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