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Familienfehde im Kino: Shotgun Stories

Die Brüder Boy, Kid und Son sitzen auf dem Bordstein und blicken in eine jener Städte, die zwischen den US-Küsten liegen. „Flyover-Country“ nennen die Amerikaner diese Gegenden, deren Hauptmerkmale Landwirtschaft, leere Güterbahnhöfe, tiefe Religiosität, Staub und soziale Distinktion sind. Zum Drüberfliegen.
Die drei Brüder sind Söhne eines Säufers, „white trash“. Ihr Vater hat die Familie verlassen, mit dem Trinken aufgehört und mit dem Glauben angefangen. Seine zweite Familie steht am anderen Ende des sozialen Spektrums, die drei jüngeren Söhne haben or­dent­liche Namen, wohnen in fes­ten Behausungen und bewirtschaften eine große Farm. Als der Vater stirbt, taucht der ansonsten ausgeglichene Son (hervorragend: Michael Shannon) überraschend auf der Beerdigung auf und spu­ckt mit dem Hass des Zurückgelassenen auf des Vaters Sarg – der Beginn einer innerfamiliären Fehde.
Die Ausgegrenzten hassen ihre Halbbrüder, weil sie vom Vater verleugnet wurden und seit ehedem die fettgesichtige Arroganz des Reichtums hinter den sozialen Schranken herüberlächeln sahen. Die Reichen verachten die Armen und nehmen sich die Freiheit he­raus, sie herumzustoßen, wie es ihnen beliebt. Eine Auseinandersetzung, die absehbar ohne Gewinner ausgehen wird und nur eine Fortsetzung der alten Geschich­te zu sein scheint.
Jeff Nichols hat einen überzeugend unprätentiösen Film über die sozialen Gegensätze der Südstaaten gemacht. Nahezu beiläufig gewährt er in seinem ersten Kinofilm einen Blick auf die Unfähigkeit zu Gespräch, Nähe und Empathie: Körper haben Angst vor Berührung, Augen fürchten den Blick des Anderen. Mit einem feinen Gespür für den Rhythmus der Bilder spinnt Nichols, der selbst aus Arkansas kommt, seine Geschichte aus karger Sprache, dem Pathos der verbohrten Männlichkeit, den steinernen Gesichtern und der schüchternen Hoffnung auf das Glück. All das verschmilzt mit dem vergilbenden Stolz dieser Menschen, den Nichols und sein Kameramann Adam Stone mit einem wunderbaren Gefühl für die einzementierten Widersprüche einer Gesellschaft einfangen, die sich gern als Hüterin der Freiheit sieht.

Text: Lennart Laberenz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Shotgun Stories“ im Kino in Berlin

Shotgun Stories, USA 2007; Regie: Jeff Nichols; Darsteller: Michael Shannon (Son Hayes), Douglas Ligon (Boy Hayes), Barlow Jacobs (Kid Hayes); Farbe, 92 Minuten

Kinostart: 8. Oktober

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