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„Familientreffen mit Hindernissen“ im Kino

Familientreffen mit Hindernissen

Noch deutlicher als in ihrem vor knapp einem Monat bei uns angelaufenen Film „2 Tage New York“ lässt sich in der bereits im Jahr zuvor entstandenen Komödie „Familientreffen mit Hindernissen“ erkennen, wie sehr sich Julie Delpy als Autorin und Regisseurin für Geschichten inte­ressiert, in denen eigentlich nichts passiert. Eine stringente Handlung spielt für Delpy keine Rolle, Ausgangspunkt ihrer Arbeit sind vielmehr mit möglichst gegensätzlichem Charakter und Temperament entworfene Figuren aus verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsschichten, die sie in komischen, manchmal auch dramatischen und oft absurden Vignetten aufeinanderprallen lässt. Für dieses sehr offene und sympathische Dahinflottieren ihres Films nimmt Delpy vielfältige Stimmungs- und Per­spektivwechsel offenbar gern in Kauf. Für den Film wird das nur dann zu einem kleinen Problem, wenn sich einige Figuren innerhalb des großen Ensembles als dann doch nicht ganz so interessant erweisen wie angedacht und sich der Eindruck einer gewissen Zusammenhangslosigkeit einiger Szenen nicht völlig vermeiden lässt.
Aber es sind auch schon sehr unterschiedliche Dinge, die Delpy bei ihrem „Familientreffen mit Hindernissen“ zusammenbringt. Erzählt wird von einer Familienzusammenkunft anlässlich des Geburtstages der Großmutter (Bernadette Lafont) in einem Ort an der Atlantikküste der Bretagne im Jahr 1979: Brüder und Schwägerinnen, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen treffen ein, und in kürzester Zeit prallen nun Alt auf Jung, Landeier auf Stadtbewohner, progressive Gesellschaftsutopien auf reaktionäre Ängste, ein Künstlerehepaar auf einen rassistischen Ex-Fallschirmjäger. Schnell gibt’s Krach, den man beim Feiern und Trinken jedoch irgendwie immer wieder übertünchen kann. Ansonsten redet man viel und gern über Sex, was zumindest die 11-jährige Albertine (Lou Alvarez), Tochter des – offenkundig nach dem Vorbild von Delpys eigenen Eltern modellierten – Künstlerpaares Anna (Delpy) und Jean (Eric Elmosnino), mit Verwunderung wahrnimmt. Zumal sie am Rande der Feier gerade selbst eine erste (tragische) Liebe erlebt: Die lange und behutsame Szene in der Provinzdisco, in der Albertine die höfliche Tanzaufforderung eines entfernten Bekannten als erotisches Interesse missversteht, zeigt dabei in besonderer Weise Delpys Einfühlungsvermögen in das Gefühlsleben ihrer kleinen und großen Helden.

Text: Lars Penning

Foto: Luana Rossi / NFP / Filmwelt

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Familientreffen mit Hindernissen“ im Kino in Berlin

Familientreffen mit Hindernissen (Le Skylab), Frankreich 2011; Regie: Julie Delpy; Darsteller: Lou Alvarez (Albertine), Julie Delpy (Anna), Eric Elmosnino (Jean); 113 Minuten; FSK 12

Kinostart: 9. August

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