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Fantasy Filmfest 2013 am Potsdamer Platz

Animals_03_c_FantasyFilmFest_RosebudEntertainmentDass hier etwas entschieden nicht stimmt, merkt man, als die Anzeige des Digitalweckers von 07.59 Uhr auf 07.60 Uhr umspringt. „Wrong“ ist denn auch der Titel des Films, in dem das Richtige keinen Platz hat. Hier schüttet es in Innenräumen wie aus Eimern, während draußen die Sonne scheint. Hier verwandelt sich ein Palm Tree (Palme) mir nichts dir nichts in einen Pine Tree (Kiefer).

Hier schießt mit einem Mal der letzte Nachtmahr eines an einem Schlaganfall verstorbenen Gärtners quer durch die ohnehin ungebändigt durchs Traumland flottierende Handlung. Das Allerseltsamste jedoch ist, dass einem all das Un-Richtige in „Wrong“ nicht als falsch erscheint, sondern als natürlicher Bestandteil einer rasch akzeptierten, leicht ins Irre verschobenen Welt. Erdacht hat sie Quentin Dupieux, jener als Mr. Oizo bekannte französische Elektro-Musiker, der 2010 mit „Rubber“ einen Hit landete – einem Film über einen telekinetisch begabten Autoreifen (!).

„Wrong“ ist eines von vielen bizarren, somnambul verschlüsselten Werken, die im diesjährigen Programm des Fantasy Filmfestes neben den blutigen und trashigen – also eher traditionsorientierten – Genre-Beiträgen ihren Platz finden. Das ist durchaus erfreulich, denn während Filme wie „Zombie Hunter“ und „Big Ass Spider!“ ihr Programm bereits im Titel tragen und kaum Überraschungen bieten, vermögen Filme wie „Upstream Color“ von Shane Carruth oder „Animals“ von Marçal Forйs mit ihren unvorhersehbaren Erkundungen befremdlicher Innenwelten nachhaltig zu irritieren. Nach „Primer“ (2004) ist „Upstream Color“ erst der zweite Film des Universalisten Carruth, der hier als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor sowie als Darsteller fungiert und zudem für Schnitt und Musik verantwortlich zeichnet. Wie sein Vorgänger fällt auch das aktuelle Werk aus allen Kategorien. Es beginnt vergleichsweise harmlos als Erzählung über die verheerenden Auswirkungen eines Parasiten im Körper einer Frau und löst sich zunehmend auf in reine Wahrnehmung diffuser Angstzustände. Deren Mitempfinden mag den Ereignissen am Ende so etwas wie Sinn verleihen, rational nachvollziehen lassen sich diese nur unzureichend. Das ist kein Mangel. Das ist Freiheit.

Etwas weniger kryptisch, doch nicht minder assoziativ geht der spanische Regisseur Forйs in seinem herausragenden Erstling vor. „Animals“ (Foto) erzählt von der todessehnsüchtigen Finsternis der Pubertät, doch das merkt man nicht gleich, weil ein sprechender Teddybär davon ablenkt. Deerhoof ist der beste Freund des einsamen Teenagers Pol, der freilich auch schon längst erkannt hat, dass er aus dem Teddybären-Alter eigentlich heraus sein sollte. Ein schmerzhafter Ablösungsprozess beginnt, der vor dem Hintergrund schulischer Katastrophen zusätzlich tragische Dimension gewinnt. Verglichen mit Pol scheinen die Protagonisten des klugen kanadischen Beitrags „I Declare War“ zu früh erwachsen geworden zu sein. Zumindest legt dies der Regietrick von Jason Lapeyre und Robert Wilson nahe, die die Fantasien der etwa zehnjährigen Jungs, die in einem Waldstück Krieg spielen, unmittelbar umsetzen, indem sie ihnen echte Knarren in die Hand geben. So gewinnt das Spiel bald schon an unheimlichem Ernst, wird klar, dass hier nicht die Flagge des Gegners erobert wird, sondern Hierarchien und Beziehungen neu verhandelt werden. Die Unschärfe, die sich aus der Überlagerung von kindlichen Handlungsträgern und beinhartem Kriegsfilm ergibt, verstört.

Umso dankbarer sieht man dann einen kompromisslosen Film wie den mit überhöhter Geschwindigkeit dahinbretternden „Drug War“ von Allround-Talent Johnnie To. In alle Winde zerstäuben kunstvoll eingezogene Metaebenen und verklausulierte geheime Botschaften. Was bleibt, nachdem der Staub sich gelegt hat, ist ein präzise inszenierter Polizeifilm.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Fantasy Filmfest, Rosebud Entertainment

27. Fantasy Filmfest Di 20.–Mi 28.8., CinemaxX Potsdamer Platz und Cinestar im Sony Center

 

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