Kino & Stream

„Fassbinder – JETZT“ im Martin-Gropius-Bau

Rainer Werner Fassbinder

Die bildende Kunst steht zum Kino häufig in einem analytischen Verhältnis. Sie nimmt sich vor, was an Bildern so vorhanden ist, zerlegt sie und ordnet sie neu an. Und macht dabei sichtbar, was in den Filmen eher unsichtbar bleibt: das Funktionieren der Verknüpfungen, die Effekte der Inszenierung, die Arbeit des Erzählens. Ein exzellentes Beispiel für so eine Metaarbeit ist „Tuin“ („Garten“) von Runa Islam. Sie nimmt eine berühmte Sequenz aus Rainer Werner Fassbinders lange unterschätztem Film „Martha“ zum Ausgangspunkt: eine Kreisbewegung der Kamera, die eine volle Runde absolviert, einmal 360 Grad, rund um ein Paar, das dabei förmlich eingekreist wird.
Es war eines der Manöver, durch die Michael Ballhaus sich einen Namen als innovativer Kameramänner gemacht hat, ein virtuoser Moment der Kommunikation von Inhalt und Form. Islam versucht nun mit ihrer Installation, in das Innere dieser Bewegung zu blicken – und sie tut das, indem sie diese zerlegt, verdoppelt, begehbar macht.
Fassbinders Werk ist voll von solchen Momemten, in denen das Kino sich selber beim Arbeiten zusehen lässt; es verwundert insofern nicht, dass sich auch so viele Künstler auf ihn bezogen haben. Die Ausstellung „Fassbinder – JETZT“ im Martin-Gropius-Bau – eine repräsentative Schau zum 70. Geburtstag des 1982 jung verstorbenen, genialischen Wilden des Neuen Deutschen Films – wartet mit einer bemerkenswerten Künstlerliste auf. Ming Wong, Jeff Wall, Jeroen de Rijke/Willem de Rooij sind neben Runa Islam vertreten.
Das große Glück für eine Schau dieser Art liegt aber natürlich primär in der Tatsache, dass Fassbinder selbst so viel Material hinterlassen hat. Dazu zählen zum Beispiel seine vielen Medienauftritte. Und die Selbstauskünfte lassen sich hervorragend ergänzen durch Äußerungen der vielen Mitarbeiter, Freunde, Lebensmenschen, die er im Lauf der ungeheuer dichten, produktiven Jahre seit den späten 60er-Jahren um sich geschart hat. Die Installation des primären Materials, also der Ausschnitte aus Filmen, trifft in solchen Filmausstellungen in der Regel auf Objekte, die als Reliquien vertreten, was in die Bildwerdung eingegangen ist – zum Beispiel Kostüme, wie sie Barbara Baum für „Lili Marleen“ entworfen hat.
Ausstellungen dieses Typs stehen zunehmend unter dem Anspruch, komplexe Werke als Erlebniswelten begehbar zu machen. Bei Fassbinder hat kürzlich schon Annekatrin Hendel mit ihrem verunglückten Dokumentarfilm gezeigt, dass die Erarbeitung einer zeitgemäßen Perspektive auf den immer noch am stärksten herausfordernden Filmkünstler Deutschlands seit 1945 sich nicht einfach aus dem Material selbst ergibt. Bleibt zu hoffen, dass die starke Ansage „Fassbinder – JETZT“ nicht über einer musealen Schau steht.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Peter Gauhe / DIF Frankfurt

Fassbinder – JETZT, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, ?Mi 6.5. bis So 23.8., Mi–Mo 10–19 Uhr  

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