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Fatih Akin: Offener Brief an Staatspräsident Gül

Fatih AkinAuf Weisung von Premierminister Erdogan wurde am Wochenende der Gezi-Park in Istanbul gewaltsam geräumt und die protestierenden Menschen auf dem Taksim-Platz unter Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas vertrieben. Eine Trauerfeier für einen bei den Demonstrationen ums Leben gekommenen Türken wurde von der Staatsgewalt verboten. Viele Nachrichtensender in der Türkei ließen sich jedoch von der Staatsmacht einschüchtern und zeigten, wie Fatih Akin in seinem offenen Brief an Staatspräsident Abdullah Gül schreibt, „belanglose Dokumentarfilme“. Sender, die versuchten, über die Ereignisse zu berichten, wurden laut Akins Brief mit hohen Geldstrafen und „anderen Mitteln“ versucht, zum Schweigen zu bringen. Auch deshalb wendet sich Akin mit seinem Offenen Brief an Gül. Akins zentrale Forderung lautet: „Stoppen Sie diesen Irrsinn!“.

Foto: Nicolas Genin / Creative Commons

Quelle: Blickpunkt: Film

Hier der Brief im Wortlaut:

An den Staatspräsidenten der Republik Türkei.

Sehr geehrter Herr Gül,
ich schreibe Ihnen, um Sie über die Ereignisse vom Samstagabend zu informieren, da die türkischen Medien kaum bis gar nicht darüber berichtet haben.
Samstagabend wurden in Istanbul erneut hunderte von Zivilisten durch Polizeigewalt verletzt. Ein 14jähriger Jugendlicher wurde von einer Tränengaspatrone am Kopf getroffen und hat Gehirnblutungen erlitten. Er ist nach einer Operation in ein künstliches Koma versetzt worden und schwebt in Lebensgefahr.
Freiwillige Ärzte, die verletzten Demonstranten helfen wollten, wurden wegen Terrorverdacht festgenommen. Provisorische Lazarette wurden mit Tränengas beschossen.
Anwälte, die gerufen wurden, festgenommene Demonstranten zu verteidigen, wurden ebenfalls festgenommen.
Die Polizei feuerte Tränengaspatronen in geschlossene Räume, in denen sich Kinder aufgehalten haben.
Die bedrohten und eingeschüchterten türkischen Nachrichtensender zeigten währenddessen belanglose Dokumentarfilme. Diejenigen, die versuchen über die Ereignisse zu berichten, werden mit hohen Geldstrafen und anderen Mitteln versucht, zum Schweigen zu bringen.
Eine Trauerfeier für Ethem Sarisülük, der bei den Demonstrationen ums Leben gekommen ist, wurde verboten!
Stattdessen darf ein Staatssekretär hervortreten und alle Demonstranten, die am Taksim Platz erschienen sind, als Terroristen bezeichnen.
Und Sie, verehrter Staatspräsident, Sie schweigen!
Vor zehn Jahren sind Sie und Ihre Partei mit dem Versprechen angetreten, sich für die Grund- und Bürgerrechte eines jeden in der Türkei einzusetzen.
Ich möchte nicht glauben, dass Sie sich um der Macht wegen von Ihrem Gewissen verabschiedet haben. Ich appelliere an Ihr Gewissen: Stoppen Sie diesen Irrsinn!

Fatih Akin

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