Drama

„Félicité“ im Kino

Modernes Kino aus Afrika: Alain Gomis’ Drama „Félicité“, in dem eine Sängerin aus Kinshasa Geld für eine Operation ihres Sohnes auftreiben muss, gewann bei der diesjährigen Berlinale den Großen Preis der Jury

Foto: Andolfi

Die Zeit läuft ihr davon. Félicités Sohn hatte einen Unfall mit dem Motorrad, jetzt liegt er im Krankenhaus, doch die notwendige Operation, um sein Bein zu retten, kostet Geld, viel Geld. Wird es Félicité gelingen, so viel Geld innerhalb kürzester Zeit aufzutreiben? Kann sie dabei als Bittstellerin genauso selbstbewusst auftreten wie in dem Nachtclub in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa, wo sie allabendlich auf der Bühne steht und singt? Der Wettlauf mit der Zeit, die unausweichlich verrinnt, während der Protagonist verzweifelt versucht, eine größere Summe Geldes zu beschaffen, für dessen Rückzahlung ihm seine Gläubiger eine letzte Frist gesetzt haben, ist ein bewährtes Motiv im Kino. Der Zeitdruck verleiht der Erzählweise Dynamik. Meist sind es Männer, die Spielsucht und falsche Selbsteinschätzung in diese Enge getrieben haben.

„Félicité“ nimmt dieses Motiv auf, wenn die Protagonistin an unterschiedlichsten Orten verschiedene Menschen aufsucht, von denen sie sich finanzielle Hilfe erhofft. Aber er ist zugleich anders, eben kein westlicher Genrefilm, sondern eine Geschichte aus dem Afrika von heute.

Es ist damit auch eine Alltagsgeschichte. Wenn wir Félicité zum ersten Mal in ihrer Wohnung sehen, dann streitet sie in der Küche mit einem Handwerker über den wieder einmal defekten Kühlschrank, für dessen Reparatur ihr vor gerade einmal zwei Wochen ein anderer Handwerker einen hohen Betrag abgeknöpft hat. Ihr Zorn ist verständlich, mit dieser Frau sollte man sich besser nicht anlegen, sie strahlt ein gesundes Selbstbewusstsein aus. Das unterstrich schon der Anfang des Films, als wir sie in der Bar sahen bei ihrem Auftritt und im Umgang mit den Musikern ihrer Begleitband. Aber dann eilt sie an das Krankenbett ihres Sohnes und wir erleben eine andere Félicité, eine zutiefst verunsicherte Frau, die von größter Sorge um ihren einzigen Sohn angetrieben wird.

600.000 Kongo Franc wird die Operation kosten, danach sei eine weitere Behandlung notwendig und jetzt erst einmal eine Anzahlung, sowie der Kauf von Medikamenten. Das Verhalten einer Frau, die ihr (scheinbar) Hilfe anbietet, vermittelt schon einen Vorgeschmack auf den dornigen Pfad, der Félicité bevorsteht. Einerseits wird im Club für sie gesammelt, andererseits beißt sie bei dem Vater ihres Sohnes auf Granit – zuerst eine Tirade von Vorwürfen, dann ein Rauswurf. Der Höhepunkt der (Selbst-)Erniedrigung ist schließlich der Gang zu einem lokalen Gangsterboss. „Ich bin keine Bettlerin“, betont Félicité stolz, um gleich darauf einen jammernden, unterwürfigen Tonfall anzuschlagen. Als sie endlich ins Krankenhaus zurückkommt, hat sich die Zukunft ihres Sohnes drastisch verändert.

Zu diesem Zeitpunkt hat der Film seine Halbzeit erreicht, eine Szene mit einem Chor, der ein Stück von Arvo Pärt einstudiert, setzt eine Zäsur. Danach erleben wir eine ganz andere Félicité: eine Frau, die lange kein Wort sagt und nur noch stumm blickt, während ihr Sohn apathisch auf dem Sofa verharrt.

So verknüpft der Film seine lakonischen Alltagsbeobachtungen mit einem hohen Formbewusstsein, lässt immer wieder die Musik sprechen und setzt im zweiten Teil wiederholt auf Nachtszenen, die das Geschehen nur erahnen lassen. Bei der diesjährigen Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, bietet „Félicité“ die seltene Gelegenheit, ein Stück afrikanisches Kino außerhalb von Festivals zu erleben, getragen auch durch die Präsenz von Véro Tshanda Beya in der Titelrolle, die hier nach einigen Theaterauf­tritten zum ersten Mal vor der Kamera steht, ebenso wie die anderen beiden Hauptdarsteller.

Félicité F/Senegal,B/D/RL 2017, 123 Min., R: Alain Gomis, D: Véro Tshanda Beya, Gaetan Claudia, Papi Mpaka, Start: 5.10.

Mehr über Cookies erfahren