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Festival: Around the World in 14 Films im Babylon Berlin

Aus Chihuahua, Nordmexiko, kommen die minoritärsten Helden des Gegenwartskinos. Es sind Men­noniten, die plattdeutsch sprechen. Damit kann man nicht leicht Kasse machen, ganz egal, wie he­rausragend der Film ist. Stellet Licht heißt die Dreiecksgeschich­te von Carlos Reygadas, die 2007 auf dem prestigereichen Festival von Cannes im Wettbewerb lief. Es war das vielleicht schönste Werk dieses Jahrgangs. Seine Protagonisten, allesamt von Laiendarstellern aus mennonitischen Täufergemeinden gespielt, sind mehrfach marginalisiert. Sie halten an einer Kultur, einer Sprache, einem archaischen Glauben fest, die sie in der Welt weiter isolieren. Zum Mainstream verhalten sie sich so, wie sich ein Querfeldeinwanderer zu einem Autobahnfahrer verhält, der nur möglichst schnell von A nach B kommen will.
Reygadas’ Film tastet sich behutsam voran, er nimmt sich Zeit für die Details, für Gesten, Blicke, das Atmen der Natur. Sein Film zwingt gleich zu Beginn zum In­ne­halten, mit einem minutenlang ausgespielten Sonnenaufgang. Danach folgt ein Drama, das auch Hollywood gut kennt, aber doch noch nie so ausbuchstabiert hat: eine Ehe, die zu zerbrechen droht, weil es die Liebe zu einer anderen Frau gibt. Zerrissene Figuren, ein plötzlicher Tod, ein Wunder, wie aus einem Film von Carl Theodor Dreyer.

Stellet Licht„gehört nicht zu den rund 400 Filmen, die im letzten Jahr regulär im Kino angelaufen sind. Die Diagnose ist seit Jahren die gleiche: Die mächtigeren Marktakteure trauen solchen Werken nicht zu, die Säle ihrer großen Häuser zu füllen, umgekehrt gehen die finanziellen Erwartungen von Rechteinhabern und Weltvertrieben oft an den Realitäten der kleins­ten Verleiher und Kinobetreiber vorbei, die an solchen Filmen dennoch interessiert wären. So bilden sich zwei parallele Welten heraus: die internationalen Festivals, die zeigen, was an wa­ge­mutigen Spielzügen im Kino jederzeit möglich ist, und die Filme, die es tatsächlich ins deutsche Kino schaffen; oft genug bleiben da wichtige Werke auf der Strecke. Sie würden in Berlin unsichtbar bleiben oder nur auf DVD erscheinen, wenn nicht subventionierte Kinos wie das Arsenal, das Babylon Mitte und die kleinen Selbstausbeuter der Berliner Kinoszene immer wieder diese Filme aufspüren würden.

Als Festival of Festivals versucht Bernhard Karl mit Around the World in 14 Films im Babylon Mitte in diesem Jahr zum dritten Mal ein paar dieser Lücken zu schließen. Er setzt auf Qualität, Überschaubarkeit des Programms und selbstbewusstes Marketing. Seine Auswahl, die besonders bemerkenswerte Arbeiten aus verschiedenen Weltkinoregionen ver­sammeln will, nimmt aufs heimische Kino gleich mehrfach Bezug: In diesem Jahr ist im „Spezial Deutschland“u.a Torpedo, das spektakuläre Debüt der erst 16-jährigen Helene Hegemann, zu sehen – siehe Seite 210). Vor allem aber hat Karl seine Festivalfilme mit einer werbewirksamen Präsentationsform verknüpft. Bei Around the World in 14 Films räsentieren deutsche Filmemacher jeweils eines der Werke und stellen sich der Publikumsdiskussion. Zu den Regiepaten zählen in diesem Jahr u.a. Romuald Karmakar, Valeska Grisebach, Wim Wenders, Andres Veiel und Pia Marais. Künstlerisch betrachtet gehören sie zu den interessantesten Regisseuren Deutschlands, auch wenn sich ihre Markterfolge nicht in den Dimensionen von „Keinohrhasen“bewegen. Auch sie sind so betrachtet minoritär.

Lesen Sie den ungekürzte Text von Robert Weixlbaumer im tip 25/08 auf den Seiten 42 bis 44

AROUND THE WORLD IN 14 FILMS
Babylon Mitte, Fr 28.11. bis Sa 6.12.

DIE PATEN UND IHRE FILME:

Freitag, 28.11. 20 Uhr:
Emily Atef präsentiert „Mister Lonely„(USA)

Samstag, 29.11.,
19.30 Uhr: Pia Marais präsentiert „Il Divo„(Italien)
22 Uhr: Robert Thalheim präsentiert „Aleksandra“(Russland)

Sonntag, 30.11.
19.30 Uhr: Eoin Moore präsentiert „Garage„(Irland) in Anwesenheit des Regisseurs Lenny Abrahamson
22 Uhr: Lars Kraume präsentiert „Three Monkeys„(Türkei)

Montag, 1.12.
19.30 Uhr: Valeska Grisebach präsentiert „Fireworks Wednesday„(Iran) in Anwesenheit des Regisseurs Asghar Farhadi
22 Uhr: Alain Gsponer präsentiert „Nachtzug„(China)

Dienstag, 2.12.
19.30 Uhr: Wim Wenders präsentiert Stellet Licht“ (Mexiko)
22.30 Uhr: Sylke Enders präsentiert „12.08 East of Bucharest„(Rumänien)

Mittwoch, 3.12.
19.30 Uhr: Präsentation für „Unter Bomben„(Libanon) noch offen
22 Uhr: Sherry Hormann präsentiert „Johnny Mad Dog„(Liberia) in Anwesenheit des Regisseurs Jean-Stйphane Sauvaire

Freitag, 5.12.
19.30 Uhr: Nicolas Wackerbarth präsentiert „Liverpool„(Argentinien)
22 Uhr: Andres Veiel präsentiert „Useless„(China)

Samstag, 6.12.
19.30 Uhr: Romuald Karmakar präsentiert „The Rebirth„(Japan)
22 Uhr: Stefan Krohmer präsentiert „Die Kunst zu weinen„(Dänemark)

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