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Festivaleindrücke aus Cannes

Tree_of_life.„The Tree of Life“ war der mit der größten Spannung erwartete Film an der Croisette. Vor Jahrzehnten hat Terrence Malick das Projekt begonnen, das, so hörte man, die ganze Geschichte des Lebens umfassen sollte, vom Urknall bis in die Gegenwart einer Familie in den 50er Jahren, was mindestens da Parallelen zu Malicks eigener Biographie nahe legte (aber vielleicht hält er sich inzwischen auch für Gott). Das Projekt ist tatsächlich monumental geworden, überraschend im formalen Horizont, der nicht nur in seinem Jahrmillionen umfassenden  Rahmen an Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ denken lässt. Überraschend aber auch in der Direktheit, mit der der notorisch pressescheue Regisseur die christliche Heilsgeschichte in ein gewöhnliches Familienuniversum übersetzt – und jederzeit auch wieder zurück. Weil Malick in dieser Familie die Perspektive eines Kindes privilegiert, das seinen Vater allmächtig wähnt, bis der selbst seine Schwächen offenbart, bleibt der Film nie auf eine (religiöse, kreationistische) Deutung festgelegt, sondern offen für einen psychoanalytischen oder selbst noch atheistischen Blick.

Auf dem Weg zwischen dem göttlichen Eröffnungszitat aus dem Buch Job 38:4,7 und dem jüngsten Gericht öffnet der Regisseur einen Assoziationsraum, der in seiner buchstäblichen Unendlichkeit ein freies Hin- und Herfließen der Erzählung (und der Zuschauerphantasie) ermöglicht, zwischen der Geburt von Sternen und Galaxien, der Evolution des Lebens auf der Erde, der Gnade der Dinosaurier, Astereoideneinschlägen und den Dynamiken des Heranwachsens dreier Brüder unter dem Dach von Vater und Mutter (Brad Pitt und Jessica Castain) in Smithville, Texas, deren Idealisierung durch die Kinder langsam Risse bekommt. Himmlische Erfüllung verspricht der eindrucksvolle Film nur jenen, die sich weit genug auf diese Reise ins Ich einlassen, ein Paradies am Ende der Welt.

„Nein“, sagt Woody Allen, „die Welt endet nicht glücklich.“ Er sitzt vier Tage nach der Premiere von „Midnight in Paris“ in einem Hotelzimmer in Cannes, unerhört entspannt trotz Interviewmarathon, und nimmt sich Zeit gutgelaunt über eines seiner Lieblingsthemen nachzudenken. „Die Gesamtlage ist schrecklich tragisch. Schon in meinem Film ‚Stardust Memories‘ gibt es die Szenen mit den beiden Zügen: im einen fahren die Gefeierten und  Schönen, im anderen die Elenden, aber am Ende haben beide nichts. Ich werde sterben, Sie werden sterben, verschwinden. Das ist das Ende, das Nichts. Und auch all die Werke von Shakespeare und Mozart und Beethoven werden verschwinden, mit dem Universum.“ Auf dem Weg zu diesem kosmischen Finale hat sich Allen noch eine kleine Frivolität geleistet, die das Festival gebührend gut gelaunt eröffnete. In „Midnight in Paris“ schenkt Allen einem kalifornischen Drehbuchschreiber (Owen Wilson), der viel lieber Romanautor wäre und die Kulturboheme der Pariser 20er-Jahre glühend verehrt, eine unerwartete Zeitreise zurück in diese Epoche. Die Nonchalance, mit der Allen diesen komödiantischen Plot entwickelt, ist so einnehmend wie die Respektlosigkeit, die er Kulturikonen des 20. Jahrhunderts von James Joyce bis Salvador Dali angedeihen lässt, mit denen sich der Held umstandslos befreunden darf. Als Erzählung über die nostalgische Verklärung der Vergangenheit steckt darin aber auch eine erfrischend großzügige Perspektive auf die Gegenwart, die Allen dann doch schließlich rehabilitiert.

halt_auf_freier_streckeKleiner im Format, als diese starbesetzte Übung, aber darum umso berührender, war Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“, der einzige deutsche Beitrag im offiziellen Programm (komponiert aus der Wettbewerbs-Reihe und der Nebenschiene Un Certain Regard). Den allerletzten Fragen widmet sich auch Dresen in seiner Geschichte eines Mannes (Milan Peschel) Anfang Vierzig, der mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wird, die ihm nur noch wenige Monate zu leben gibt. Sein großartiges, improvisationsfreudiges Schauspielerensemble hat Dresen mit tatsächlichen Pflegern, Ärztinnen und Ärzten ergänzt, die ihre professionellen Rollen im Film weiter spielen. „Halt auf freier Strecke“ folgt dem Alltag der Familie mit der Krankheit, mit Persönlichkeitsveränderung, Schwäche, Angst und Depression, mit Brüllen und Kotzen, aber auch einer utopischen Anstrengung, die das Sterben zurück aus dem Hospiz in die Familie holt, wo es das wird, was man so gerne nicht wahrhaben will: Teil des Lebens.

Robert Weixlbaumer

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