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Feuerlöschen mit Benzin bei den Filmfestspielen in Cannes

Inglourious BasterdsDas eindrucksvollste Bild schenkte in diesem Jahr Quentin Tarantino dem Festival von Cannes: Einen brennenden Kinopalast in Paris, die Türen verriegelt, kein Entkommen scheint möglich. Die Flammen haben als erstes die Leinwand verzehrt und breiten sich nun rasend schnell im Zuschauerraum aus, wo sich die Nazi-Elite, vom Führer abwärts, versammelt hat. Eben noch hat der Projektor einen Propagandafilm über einen deutschen Scharfschützen im Blutrausch gezeigt. Nun werden die Rauchschwaden zum Screen eines zweiten Films – für das Geistergesicht einer lachenden Frau, die allen hier den Tod prophezeit. Es soll das feurige Ende des Zweiten Weltkriegs werden, hier in Paris, 1944. Die Auslöschung der deutschen Führung in einem Paralleluniversum, zu dem Quentin Tarantino in „Inglourious Basterds“ (Foto oben) die Tür aufstößt. „Es ist eine Metapher und zugleich konkret: Die Macht des Kinos, das Dritte Reich in die Knie zu zwingen“, sagte Tarantino nach der Premiere auf der Pressekonferenz mit der ihm eigenen anste­cken­den Begeisterung übers eigene Schaffen.
In fünf Kapiteln erzählt Tarantino von irrwitzigen Kommando­unternehmen, von spontaner Resistance und parallel laufenden Verschwörungen, die sich mit beträchtlicher Energieentfaltung ver­knoten. Es ist ein Kriegsfilm ohne Schlachten, mit beinahe sparsam eingesetzter Gewalt und einer fabelhaften, mehrheitlich deutschsprachigen Besetzung (allen vo­ran Christoph Waltz, Daniel Brühl und August Diehl), die sich zum Teil auch schon anderswo im surrealen WK2-Film bewährt hat. Wenn Sylvester Groth hier als Comedy-Goebbels aufspielt, ist das eine 1:1-Reprise seiner Rolle in Dani Levys „Mein Führer„, bloß nun im Kontext der Tarantino-Fabel angesiedelt – „Once upon a time in Nazi-occupied France“ – und ausgestattet mit allen charakteristischen Stilelementen des Regisseurs: abrupten Gewaltexplosionen, losgelösten Bildern, unendlich mäandernden Dialogszenen und einer Musikspur aus Tarantinos eigener, weltgrößter Soundtrack-Sammlung, mit der diese neue Ver­sion des Zweiten Weltkriegs untermalt wird.
AntichristDer zitternde Lars von Trier war dagegen der meistgehasste Mann an der Croisette, sein „Antichrist“ (Foto) blieb noch Tage nach der Premiere Gesprächsstoff, was am Willen vieler Kritiker lag, die Bildergeschichte seines Paares (Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg) allzu buchstäblich zu nehmen und darin eine frauenfeindliche, sadis­tische Gewaltfantasie zu er­bli­cken. Ein Fuchs, der die eigenen  Eingeweide frisst und in die Kamera spricht („Chaos herrscht!“) etwa; eine Frau, die ihrem Mann mit dem Zimmermannsbohrer das Bein durchstößt, eine Eisenstange durchsteckt und darauf einen Schleifstein fixiert. Oder die Illus­tration von Freuds „Urszene“ in digitalen Su­perzeitlupenbildern. „Was gab es noch nicht in Cannes? Ficken? Ich glaube, ich habe immer noch ein Publikum, das es mag, wenn die Dinge gezeigt werden“, kommentierte von Trier vorab seine Exzesse, aber „die Dinge“ sind nicht das, was man auf den ersten Blick sieht, Hardcore-Schwanz-Vagina hin oder her. Die Bilder und Figuren sind in „Antichrist“ sehr viel eher Manifestationen von psychischen Instanzen, von psychoanalytischen Denkfiguren. Sein Film führt in die Therapieprozesse hinein, denen sich von Trier in seinen vergangenen Krisenjahren unterwarf und die er nun in typischer ironischer Redeweise in seiner Horrorspielzeugwelt adaptiert: Frau, Mann, Fuchs, Reh, Wald, kastriertes Opfer und kastrierter Täter sind alles eins: von Trier selbst.

Lesen Sie den kompletten Rückblick auf die Filmfestspiele in Cannes in tip 12/09 auf den Seiten 40 – 41.

Text: Robert Weixlbaumer

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