Kino & Stream

Film noir: „I, Anna“

I_AnnaDie Geschichte vom Ermittler, der einer Frau verfällt und sich fragen muss, ob sie nicht die Schuldige des Verbrechens ist, das er aufklären soll, gehört zu den vertrauten Handlungsmustern des Kriminalfilms, zumal des Film noir. Hier ist es der Londoner Kommissar Bernie Reid, der im Hotel lebt, seit seine Frau ihn verlassen hat. An einem frühen Morgen begegnet er im Aufzug eines Hochhauses, in dem gerade ein Mann ermordet wurde, einer Fremden. Bernie ermittelt ihre Identität und beobachtet sie, auf einer Single-Party kommen sie miteinander ins Gespräch und verabreden sich für ein weiteres Treffen.

Als Kommissar vermag Gabriel Byrne nicht so recht zu überzeugen, mindestens einmal begeht er einen Fehler, der beinahe fatale Folgen hat. Zwar erweist sich seine Methode letzten Endes als die richtige, aber wie weit das eine glückliche Fügung ist, bleibt offen. Nicht zu übersehen ist jedenfalls, dass er seine Arbeit höchst unkonzentriert verrichtet. Sollte ihm Anna so sehr den Kopf verdreht haben? Der mittlerweile 66-jährigen Charlotte Rampling wäre das durchaus zuzutrauen. „I, Anna“ wird in dieser Hinsicht jedoch nie explizit. Das unterscheidet ihn sowohl von der zugrunde liegenden literarischen Vorlage, „Solo für Klarinette“, der einzigen Romanveröffentlichung der New Yorker Psychoanalytikerin Elsa Lewin (1984), als auch von der Erstverfilmung, für die Nico Hofmann 1998 die Geschichte (mit Götz George und Corinna Harfouch) nach Berlin verlegte. War Hofmanns Film übersexualisiert, ist „I, Anna“ in gewisser Weise entsexualisiert – im Roman gibt es übrigens keinen Sex zwischen den Protagonisten, sondern nur zwischen ihnen und anderen Personen.

Wie im klassischen Film noir geht es Regisseur Barnaby Southcombe, dem Sohn von Charlotte Rampling, der hier seinen ersten Spielfilm vorlegt, mehr um die Stimmung. Seine in kaltes Blau getauchten Bilder zeigen ein London der leeren nächtlichen Nebenstraßen, der Bürogebäude, Hotels und Wohn­silos (wie dem des Barbican, wo der Mord geschieht). Er konzen­triert sich auf die Geschichte zweier einsamer Menschen, für die die melancholischen Songs von Richard Hawley die passende Begleitmusik liefern.  

Text: Frank Arnold

Foto: NFP

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „I, Anna“ im Kino in Berlin

I, Anna Großbritannien/Deutschland/Frankreich 2011; Regie: Barnaby Southcombe; Darsteller: Charlotte Rampling (Anna Welles), Gabriel Byrne (D.C.I. Bernie Reid), Eddie Marsan (D.I. Kevin Franks); 91 Minuten; FSK 16

Kinostart: 2. Mai

Mehr über Cookies erfahren