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„Film Socialisme“ im Kino

Film Socialisme

So einen Titel traut sich heute nur noch JLG: „Film Socialisme“ – was soll das sein? Ein sozialistischer Film? Filmischer Sozialismus? Sozialismus und Film? Als Film? Am ehesten vielleicht die Begegnung mit einem nie zu Ende geträumten Traum als Selbstbefragung. „Wenn es kein Kino gäbe“, sagt Godard, „wüsste ich nicht, dass ich eine Geschichte habe.“ Der inzwischen 80-jährige Veteran des experimentellen Kinos bemüht sich erst gar nicht, den Zuschauer irgendwo „abzuholen“, wie das medienpädagogisch gern formuliert wird, sondern schubst ihn in ein verwinkeltes Gebäude, dessen diskursive Strebepfeiler vom alten Ägypten über den spanischen Bürgerkrieg bis zu aktuellen Krisen wie Nahostkonflikt und Finanzmarktturbulenzen reichen. Das produktive Sich-Verirren ist Programm, und die Architektur verlangt eine beträchtliche kultur- und theoriehistorische Gelenkigkeit. Godards Filme sind demokratisch, aber nicht egalitär. Und sie sind, gut 50 Jahre nach der Premiere seines Debüts „Außer Atem“, immer auch ein verwunschenes Gebäude der filmästhetischen Seherfahrungen, d.h. sie sind ohne Vertrautheit mit der Konstruktionsweise des essayistischen Films, mit den Arbeiten von Chris Marker oder Agnиs Varda, kaum lesbar. Soviel zu den Risiken und Nebenwirkungen.
Der Film gliedert sich in drei nur lose verbundene Teile. Er beginnt auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer, auf dem sich neben den Massen der alerten Senioren auch ein jüdischer Bankier, ein Nazijäger, eine russische Agentin und ein deutscher Kriegsverbrecher befinden; außerdem der Philosoph Alain Badiou und die Sängerin Patti Smith. Der zweite Teil spielt in einer Autowerkstatt in Südfrankreich, wo ein halbwüchsiges Geschwisterpaar seine Eltern in politische Grundsatzdiskussionen verwickelt. Der dritte Teil präsentiert eine Kulturgeschichte Europas anhand der auf der Schiffsroute liegenden Stationen: Ägypten, Israel/Palästina, Griechenland, Italien, Spanien und die Ukraine, deren Platz gesichert ist durch Eisensteins berühmte Sequenz auf der Treppe von Odessa in „Panzerkreuzer Potemkin“.
Film SocialismeWie viele Filme Godards ähnelt auch dieser einem Bastelset, in seiner Komplexität zunächst verwirrend, aber gerade nicht hermetisch, sondern ein offener Text, in emphatischer Weise auf Augenhöhe mit dem Zuschauer. In ausschließlich statischen Einstellungen und durch eine Serie gliedernder, jedoch nicht ordnender Oppositionen wie Ton/Bild, Geld/Wasser, Mensch/Tier oder Produktivität/Konsum erörtert Godard noch einmal die für seine Arbeiten zentrale Frage nach dem Filmemachen und dem Filme­sehen als politische Intervention. Das Kreuzfahrtschiff erscheint als das ultimative, fetischisierte Ding, funkelnd in all seiner prächtigen Scheußlichkeit und Modell einer freudlosen Spaßgesellschaft (offensichtlich wurde während einer regulären Reise gedreht; gelegentlich gibt es befremdliche Blicke der „normalen“ Passagiere.) Vor dieser Szenerie entfaltet sich sein eigenwilliger Humanismus als Glaube an die Kraft des Individuums gerade dort, wo es fragt, zweifelt, sich empört. Die Charaktere begegnen sich in Kabinen, Salons und Nachtclubs, an Pools und in Fitnessräumen und bewegen sich zugleich in einer Gegenwelt aus Kunst, Literatur und Musik. Rezitiert, eingespielt, zwischengeschnitten und überblendet, gehört diese Materialfülle zur typischen schillernden Textur seiner Video-Essays seit Mitte der 70er-Jahre; nun werden auch die Möglichkeiten der digitalen Technik lustvoll ausgereizt.
Godard verrätselt nicht vorsätzlich, spielt mit offenen Karten und führt alle Quellen im Vorspann auf: Filme, Texte, Musik – allerdings in einem Tempo, dass sie während der Filmbetrachtung nicht abgerufen, sondern eher assoziiert werden. Die Idee eines intellektuellen Milieus bleibt, zu dem Derrida und Heidegger genau so gehören wie Franz Liszt und Joan Baez. Der Film endet mit dem – für den Kritiker kaum ermutigenden – Schriftzug NO COMMENT, eine schlitzohrige Finte Godardschen Humors: Denn diese brillante Zumutung ist eine dringende Herausforderung zum Kommentieren, zum Denken, Reden und Handeln.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Film Socialisme“ im Kino in Berlin

Film Socialisme, Schweiz/Frankreich 2010; Regie: Jean-Luc Godard; Darsteller: Catherine Tanvier (Die Mutter), Christian Sinniger (Der Vater), Jean-Marc Stehlй (Otto Goldberg); 101 Minuten; FSK 0

Kinostart: 29. September

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