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Filmdrama „Der Junge mit dem Fahrrad“

Der_Junge_mit_dem_FahrradIn den Filmen der belgischen Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne nimmt die Kamera an den Körpern ihrer Protagonisten Maß. Aus Handlungen, aus unmittelbaren physischen Bewegungen und deren Konsequenzen leiten sich in „Rosetta“, „Der Sohn“ oder „Das Kind“ auch die erzählerischen Entwicklungen ab. Dem Fahrrad kommt in ihrem neuen Film eine ähnliche Bedeutung zu: Es bestimmt den Rhythmus des Geschehens mit und dynamisiert den Film auf ähnliche Weise wie sein elfjähriger Held Cyril (Thomas Doret), der mit dem Rad seine Umwelt erforscht und dabei sein Verhalten gegenüber seiner Umgebung ständig neu justieren muss. Cyril wurde von seinem Vater in ein Heim gesteckt, weil dieser sich nicht in der Lage sah, für ihn allein zu sorgen. Der Junge will sich damit aber nicht abfinden. Er nutzt jede Möglichkeit auszureißen, um sich auf eigene Faust Klarheit über die familiäre Situation zu verschaffen.

Anders als in den früheren Arbeiten der Dardennes, die noch stärker von unverrückbaren Umständen bestimmt waren, öffnet sich für Cyril eine unverhoffte Chance. Denn mit der Friseurin Samantha tritt eine märchenhaft überhöhte Erlösergestalt in den Film. Sie willigt ein, den Jungen über die Wochenenden bei sich aufzunehmen, obwohl sie ihn kaum kennt – ihr Angebot benötigt keine Motivation, es ist ein Geschenk, eine reine Tat. Die Dardennes haben diese Rolle mit Cйcile de France besetzt (auch Belgierin übrigens), sie ist in Frankreich ein Star, was die Sonderstellung dieser Frauenfigur noch verstärkt.
Neben Aki Kaurismäkis Flüchtlingsdrama „Le Havre“ und Robert Guйdiguians Sozialstück „Der Schnee am Kilimandscharo“ ist „Der Junge mit dem Fahrrad“ damit ein weiteres Beispiel eines aktuellen Films, der grimmigen zeitgenössischen Lebenswirklichkeiten mit einer Lust an beinahe magischer Überschreitung begegnet. Cyril erfährt in dem souverän in Bewegung gehaltenen Drama dennoch einige Rückschläge. Sein Vater (verkörpert von Jйrйmie Renier, einem der Stammschauspieler der Dardennes) wird ihn offen zurückweisen. In einer der bewegendsten Szenen des Films versucht sich Cyril daraufhin selbst zu verletzen; ein Jugendlicher von der Straße wird ihn für einen Überfall als Komplizen missbrauchen.
Das Fahrrad bleibt der einzige Besitz von Cyril, dementsprechend energisch verteidigt er dieses auch. Es gibt die Linie vor, entlang welcher die Dardennes die moralischen Lektionen für ihren Helden zeigen. Von der Selbstbestimmung über die unberechenbaren Folgen begangenen Unrechts bis zum unerwarteten Geschenk einer neuen Bleibe ist es oft nur ein kurzer Weg, aber es benötigt die Meisterschaft der Regie-Brüder, davon ohne falsche Sentimentalität zu erzählen.     

Text: Dominik Kamalzadeh
Foto: Alamode Film
tip-Bewertung: Sehenswert

le gamin au vйlo – Der Junge mit dem Fahrrad im Kino in Berlin 
Belgien/Frankreich/Italien 2011;
Regie: Jean Pierre und Luc Dardenne;
Darsteller: Thomas Doret(Cyril Catoul), Cйcile de France (Samantha), Jйrйmie Renier (Guy Catoul);
87 Minuten; FSK k.A.;
Kinostart: 9. Februar

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