Kino & Stream

Filme im Internet: Video-On-Demand

Breaking Bad

Berlin-Mitte, Reinhardtstraße, moderne Bürogebäude zwischen Charitй und Hauptbahnhof mit Blick auf Spree und Regierungsviertel. Auch die Watchever GmbH hat hier ihren Firmensitz; der Name ist aus „watch“ und „whenever“ zusammengesetzt. Seit Anfang des Jahres bietet das Unternehmen, eine Tochter des französischen Medien- und Telekommunikationskonzerns Vivendi, deutschen Kunden Kinofilme und Fernsehserien als Video-on-Demand (VoD) zum „Gucken, wann auch immer“. Mit bemerkenswertem Marketing-Aufwand und -Budget tritt Watchever gegen die bereits etablierten Mainstream-Anbieter an, im VoD-Bereich sind das Apples iTunes, die Amazon-Tochter Lovefilm und maxdome der ProSiebenSat1-Gruppe. Watchever setzt dabei auf ein Monatsabo – Kunden haben für 8,99 Euro monatlich freien Zugriff auf das Sortiment – und eine bunte, in deutscher Synchro wie in Originalfassung angebotene Mischung aus populären Klassikern, noch unbekannten, meist anglo-amerikanischen Produktionen und Neuware. Besonders im Serien-Bereich führt Watchever interessante Titel, neben „Big Bang Theory“, „Doctor Who“ oder „Sherlock“ findet man im Programm auch aktuelle „Breaking Bad“-Folgen (so läuft auch ziemlich zeitnah zum amerikanischen Ausstrahlungstermin das Finale dieser exzellenten Serie), den beliebten „Tatortreiniger“ und, exklusiv, die neue Charlie-Sheen-Serie „Anger Management“.
Doch jenseits des Programmangebots geht es im VoD-Geschäft auch um Technik. Neben den „Tausenden handverlesenen Inhalten“ betont Watchever-Sprecherin Tjorben Vahldieck so die Bedienungsfreundlichkeit und den „Offline-Modus“, man könne „Filme auf einem Gerät zwischenspeichern und später ohne Internetverbindung ansehen“, und die weitreichende Kompatibilität mit verschiedensten Endgeräten und Systemen. „Watchever“, meint Vahldieck, „ist der einzige Video-on-Demand-Dienst, der als App auf dem Apple TV installiert ist.“ Im hart umkämpften Geschäft mag das ein Spielvorteil sein, kein Nachteil sind die unterschiedlichen Kooperationen der Firma, neben Hardware- und Handy-Herstellern ist das die Axel Springer AG: Unter dem Titel „BILD Movies“ lässt sich das Watchever-Angebot auch über Spingers Internetseiten buchen.
Albert NobbsViel Aufwand und viel Geld werden in den VoD-Markt investiert, legale Streaming- und Download-Angebote, audiovisuelle Inhalte aus dem Internet und Kino aus der Daten-Wolke gelten als lukratives Zukunftsmodell. Erst vor wenigen Wochen erklärten Steven Spielberg und George Lucas bei einem Podiumsgespräch über das Kino von morgen Video-on-Demand zum Hoffnungsträger: Hollywoods Blockbuster-System würde in wenigen Jahren implodieren, danach gebe es nur noch wenige, sehr aufwendige Filme auf großer Leinwand, die dann monatelang wie Broadway-Shows in Luxus-Kinos liefen. Kantigere, kleinere Produktionen würden dann nur noch im VoD-Bereich stattfinden. „Das, was mal das Filmgeschäft war, Fernsehen und Kino“, sagte Lucas, „wird dann Internet-Fernsehen sein.“ Für diese Schreckensvision lassen sich durchaus Belege finden: Sowohl Netflix, die größte Online-Videothek der USA, wie auch Amazon produzieren inzwischen eigene Serien-Formate, exklusiven Content für die eigene Zuschauerschaft wie „House of Cards“ mit Kevin Spacey. Und selbst hierzulande spielen gewerbliche VoD-Angebote immer öfter eine Rolle in der Filmauswertung: Daniel Barnz‘ bittersüße Geschichte zweier Frauen, die um eine Schule kämpfen, „Um Klassen besser“, wurde in Deutschland bereits zwei Monate vor der DVD-Premiere als iTunes-Titel angeboten. Rodrigo Garcнas „Albert Nobbs“ um eine Frau (Glenn Close), die sich im Irland des 19. Jahrhunderts als Mann ausgibt und als Butler arbeitet, erscheint nach einem „limitierten Kinostart“ im kommenden Monat im Oktober zeitgleich als DVD, Blu-Ray und VoD-Angebot.
Trotzdem und trotz bemerkenswerter Zuwachsraten gewerblicher Angebote in Deutschland sieht es nicht so aus, als würde Video-on-Demand in absehbarer Zeit Kinos oder Heimunterhaltungs-Discs verdrängen können; ein großer Knall und ein national beziehungsweise global operierender Player, der marktbeherrschend audiovisuelle Inhalte als Download oder Stream analog zu iTunes im Musik-Bereich anbietet, wirkt momentan fast unmöglich. Das liegt nicht nur an den teils mutlosen, teils verstrittenen Anbietern, sondern zumindest hierzulande auch an rechtlichen Begrenzungen. Das Bundeskartellamt hat ein geplantes VoD-Portal von ProSiebenSat1 und der RTL-Gruppe verhindert und massive Bedenken betreffs einer gemeinsamen VoD-Plattform von ARD, ZDF und Produktionsfirmen wie Stefan Raabs Brainpool, Arbeitstitel „Germany’s Gold“, geäußert (ob man gebührenfinanzierte Inhalte überhaupt kommerziell verwerten kann und darf, ist ein anderes Problem des Projekts).
Trotz aller Erfolgsmeldungen scheint sich Video-on-Demand ähnlich den eBooks eher als Zusatzangebot und nicht als Hauptverwertungsweg zu etablieren. Dafür sprechen letztlich auch die nackten Zahlen: 2012 standen laut der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) Einnahmen aus Verleih und Verkauf von DVDs und Blu-Rays in Höhe von gut 1,6 Milliarden Euro nur knapp 130 Millionen Euro durch virtuelle Angebote, Video-on-Demand und „Electronic Sell-Thru“ (Download-Käufen) gegenüber. Am erfolgreichsten sind im VoD-Bereich immer noch die kostenlosen, illegalen Angebote, besonders im Mainstream-Geschäft drückt das nach wie vor auf die Umsätze. Tjorben Vahldieck von Watchever verweist auf eine Studie, der zufolge gewerbliche Streaming-Dienste wie Netflix oder Spotify die Piraterie in Norwegen um über 80 Prozent gesenkt habe. Wird man langfristig eine Chance gegen die Gratisangebote haben? „Das“, erklärt Vahldieck eher nüchtern, „kann nur der Kunde entscheiden.“

Foto „Breaking Bad“ (oben): Frank Ockenfels 3 / Sony Pitures Television / AMC

Foto „Albert Nobbs“ (unten): Patrick Redmond / Pandastorm Pictures

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