Kino & Stream

Filme von Polanski und Cronenberg in Venedig

Carnage

Im Projektionsraum des Kinos ist kein Film vor Überinterpretation der Zuschauer geschützt, schließlich entsteht Bedeutung erst im Zusammenhang mit dem Blick der Anderen, die immer die letzte Deutungsmacht haben. Im besten Fall addiert das zweite und dritte Parallelebenen zu Geschichten, noch während sie sich auf der Leinwand entfalten. Yasmina Rezas Theaterstück „Der Gott des Gemetztels“ aus dem Jahr 2006 wäre für sich genommen vielleicht nicht der allerbeste Kinostoff, dazu ist bei aller Pointiertheit der Weg, den die Erzählung nimmt, vielleicht ein wenig zu absehbar. Zwei Elternpaare treffen sich, um sich über einen gewalttätigen Streit zwischen ihrem beiden elfjährigen Söhnen zu verständigen, der den einen von ihnen einen Zahn gekostet hat. Das geschieht wenigstens anfänglich unter Beachtung aller Etikette, die bürgerliche New Yorker eingelernt haben, bevor sich die unterschwelligen Aggressionen dann doch ihren Weg bahnen.  
Doch richtig interessant ist „Carnage“ als Film erst, weil es die erste Arbeit ist, die Roman Polanski nach der Neuauflage seines eigenen amerikanischen Vergewaltigungs-Dramas  inszeniert hat („The Ghostwriter“, bei Ausbruch der Affäre schon abgedreht, trug nur wenige Züge einer solchen Auseinandersetzung).
Genüsslich sieht Polanski in „Carnage“ nun zu wie sich im Lauf von 79 Minuten in strenger dramatischer Einheit von Raum und Zeit die beiden Paare (Kate Winslet & Christoph Waltz vs. John C. Reilly & Jodie Foster) gegenseitig und bald auch unter einander zu zerfleischen beginnen, all ihre gutbürgerlichen Begriffe von politischer Korrektheit bei näherer Betrachtung als bigotte Konzepte entlarven, Sadismus, Selbsthass und Abscheu fürs eigene Leben offenbaren. Die Kinder, um die es geht, haben sich längst selbst ohne Zutun der Erwachsenen versöhnt und sind – wie auch ein zweites, vermeintliches Opfer – bester Laune. Das mag technisch virtuos inszeniert sein, auch unterhaltsam und pointiert gespielt, aber auf einer zweiten Ebene ist es manipulativ indem es das Kino zur Argumentationsmaschine für Polanski macht, ohne dass er sich dafür je direkt einer Öffentlichkeit stellen müsste. Vor dem Hintergrund seiner Verhaftung in der Schweiz im Jahr 2009 und dem monatelangen Streit um seine Auslieferung an die US-Behörden wegen seines unabgeschlossenen Vergewaltigungsprozesses, wirkt die Generaldenunziation aller Moraldiskurse in „Carnage“ nicht komplex, sondern zynisch, wie eine Verschiebung von Schuld, die alles in den Blick nimmt, außer sich selbst.
David Cronenbergs „A Dangerous Method“ entscheidet sich für einen anderen Weg und blickt ins Seelenleben dreier Figuren, die zu wesentlichen Protagonisten in der Ausformung der psychoanalytischen Theorie wurden. Sigmund Freud (Viggo Mortensen), C.G. Jung (Michael Fassbender) und dessen Patientin Sabina Spielrein (Kiera Knightley) bilden ein komplexes Dreieck, das Cronenberg einer Analyse unterzieht – ohne die Absicht, irgendjemanden zum eigenen Gewinn zu denunzieren.
„A Dangerous Method“ erzählt von der Geburt der Psychoanalyse, von den Psychopathologien und Neurosen, die ihre Entdecker und Erfinder plagten und benutzt dazu selbst die psychoanalytische Methode als Erzählfundament. Was Cronenberg sieht, macht die Figuren reicher und ihr Handeln – auch wenn es irregeleitet sein mag und falsch – in ihrem eigenen Horizont verständlich. Es ist eine Erkundung des Stoffes, aus dem das Leben ist und dabei zugleich eine Liebesgeschichte, die auf kein Happy End zu rechnen braucht, um gültig zu sein.

Text: Robert Weixlbaumer

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