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Filme von Seijun Suzuki im Arsenal

Sijun Suzuki: Gate of Flesh

Vor einigen Jahren wurde Seijun Suzuki zu einem der bestgekleideten Männer Japans gewählt. Für einen Regisseur ist das eine ungewohnte, aber nicht ehrenrührige Auszeichnung. So schwer es auch fällt, sich diesen wilden Bilderstürmer als gepflegten, älteren Herren vorzustellen. Als ihn 1967 das Studio Nikkatsu feuerte, weil es seine Filme zu verworren fand, schien seine Karriere endgültig vorbei. Seitdem ist er längst als Inbegriff des eigensinnigen Genreregisseurs rehabilitiert. Seine rüde-lyrischen Gangsterfilme haben berühmte Bewunderer wie Tarantino, Kitano und Wong Kar-wai gefunden. Er kokettiert gern damit, dass seine Meisterwerke eher versehentlich entstanden. Als Auftragsregisseur konnte er es sich nicht erlauben, schlechte Drehbücher abzulehnen.
Bei Nikkatsu gehörte der 1923 geborene Suzuki zur zweiten Kategorie. Wenn ein A-Regisseur wie Shohei Imamura das Budget überzog, musste das bei B-Pictures eingespart werden. Für gewöhnlich erhielt er das Buch zehn Tage vor Drehbeginn, hatte eine Woche für Schauplatzsuche und Absprachen mit den Technikern – er rühmte sich, von Kameraleuten stets das Unmögliche zu verlangen –, drehte in der Regel nur einen Take und scherte sich wenig um passende Anschlüsse. Welch eine Steilvorlage für die Autorentheorie: Der Autor ist der Verantwortung für sein Sujet enthoben, seine Inszenierung ein Triumph über die Konvention. „Ich hasse konstruktive Filme“, sagt er selbst, „Bilder, die in Erinnerung bleiben, sind solche der Zerstörung.“
1963 beginnt die rasanteste Periode in seinem Werk. Meist kreisen die Filme um Loyalität, Verrat und Rache in der Unterwelt; Yakuza und Prostituierte sind seine bevorzugten Hauptfiguren. Nonchalant mischt Suzuki die Genres, kreuzt Elemente des Melodrams mit slapstickhaftem Körperspiel und wirft grimmige Schlaglichter auf die japanische Zeitgeschichte. Seine Kunst offenbart sich in der obsessiven Präzision seiner Kompositionen, der Sorglosigkeit im Umgang mit erzählerischer Logik sowie einem elliptischen, rissigen Erzählrhythmus. Suzuki entfesselt die Farben und zielt dabei auf immer größere Abstraktion (etwa im Finale von „Tokyo Drifter“, das ganz in Weiß und Blutrot gehalten ist). Die Idee des Gags ist bei ihm nicht nur eine Kategorie der Komik, sondern Indiz einer exzentrischen Geistesgegenwart.

Text: Gerhard Midding

Foto: 1964 NIKKATSU Corporation

Retrospektive Seijun Suzuki, Arsenal, Fr 2.8. bis Sa 31.8.

www.arsenal-berlin.de

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