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„Avatar: Fire and Ash“: Schier atemberaubend

Vor 16 Jahren hatte James Cameron mit dem ersten „Avatar“-Film versucht, das ungeliebte 3D-Format zu etablieren. Nun startet der dritte Teil im Kino. tipBerlin-Kritiker Michael Meyns findet: „Avatar: Fire and Ash“ führt mit atemberaubenden Bildern das Kino an seinen Ursprung zurück – zur puren visuellen Attraktion

Zoe Saldaña als Neytiri spannt den Bogen, die bevorzugte Waffe der Na’vi in Avatar: Fire and Ash. Foto: 20th Century Studios.

130 Jahre ist das Kino in diesem Jahr alt geworden, und es steckt – mal wieder – in der Krise. Demnächst wird vielleicht der Streaming-Gigant Netflix die Firma Warner Brothers kaufen, eines der letzten Filmstudios, das noch dezidiert Filme fürs Kino produziert. Laut Netflix-Boss Ted Sarandos ein auslaufendes Geschäftsmodell, das er mit seinem unendlichen Angebot an Content gerne zerstören möchte.

Wofür lohnt sich im Jahre 2025 noch der Kinobesuch, welchen Film kann man nicht auch zu Hause sehen, zumindest nicht erleben? Vielleicht hat James Cameron die Antwort, zumindest, wenn man sich seinen „Avatar: Fire and Ash“ auf der größtmöglichen Leinwand und vor allem in 3D anschaut. Vor 16 Jahren hatte Cameron mit dem ersten „Avatar“-Film versucht, das ungeliebte Format zu etablieren, wirklich durchgesetzt hat es sich seitdem nicht, allzu viele nicht explizit für 3D gedrehte Filme haben den Effekt verwässert, ihn zu einem Gimmick werden lassen.

Es dauert auch in „Avatar: Fire and Ash“ eine ganze Weile, bis die Immersion gelingt, bis sich die Augen und vor allem das Gehirn an das 3D gewöhnt haben, vor allem aber an die in erhöhter Bildrate projizierten Bilder, die dadurch extrem, aber auch ungewohnt scharf und fließend wirken.

Lose Handlung und immersive Bilder

In diesem Sinne ist es gut, dass sich Cameron extrem viel Zeit lässt, die mehr als lose Handlung sehr schleppend in Gang kommt, man nicht allzu viel Aufmerksamkeit braucht, um dem Plot zu folgen, sondern sich ganz auf die immersiven Bilder einlassen kann.

Wer einen der beiden Vorgänger gesehen hat, kennt die Story: Erneut geht es um den Konflikt zwischen den blauen Naturwesen, den sogenannten Na’vi, die im Urwald leben und meist mit Pfeil und Bogen kämpfen, und den finsteren, menschlichen Kolonisatoren, die den Planeten Pandora wirtschaftlich ausbeuten wollen und dabei immer skrupelloser vorgehen. Ihnen zur Seite steht ein einheimischer Stamm, was entfernt an die einstige Konstellation in Vietnam erinnert, was die Na’vi zu Vietcong-Rebellen machen würde, aber solche Subtexte bleiben ein nicht eingelöstes Versprechen.

Quaritch (Stephen Lang) in Avatar: Fire and Ash. Foto: 20th Century Studios.

Viel wichtiger ist der Begriff Familie: Der vom Mensch zum Na’vi gewandelte Jake Sully (Sam Worthington) versucht, Frau und Kinder zu beschützen, die sich langsam abnabeln wollen, sich allein in der Welt von Pandora behaupten wollen.

„Avatar: Fire and Ash“ führt das Kino wieder an seinen Ursprung zurück

Was da erzählt wird, ist mehr als kursorisch und wirkt stets so, als diente es nur dazu, die Handlung von einem visuellen Höhepunkt zum nächsten zu befördern. Aber warum auch nicht, denn was Cameron und seine Computertechniker gerade im letzten Drittel auf die Leinwand gebracht haben, ist schier atemberaubend.

Man muss sich vor Augen halten, dass „Avatar: Fire and Ash“ praktisch nur in einem leeren Studio entstand, wo die Bewegungen der Schauspieler mit Motion Capture-Technik aufgezeichnet wurden. Der gesamte Rest entstand anschließend im Computer, wie so viele moderne Hollywood-Filme, was aber nur selten so überzeugend aussah wie hier: Die Texturen von Haaren und Haut, wabernder Rauch, flackerndes Feuer, glitzerndes Wasser, bevölkert von fluoreszierenden Wesen, Bäume, einzelne Farne oder Ranken, die Komplexität der künstlich generierten Welten ist enorm – und wirkt doch nie künstlich.

So dünn die Handlung auch sein mag, stilistisch gelingt James Cameron mit „Avatar: Fire and Ash“ ein Film, der das Kino wieder an seinen Ursprung zurückführt: zur puren visuellen Attraktion, die es möglich macht, Dinge zu sehen, die es nirgendwo sonst zu sehen gibt, schon gar nicht zu Hause auf dem Sofa bei Netflix.

  • Avatar: Fire and Ash USA 2025; 197 Min.; R: James Cameron; D: Sam Worthington, Zoe Saldana, Stephen Lang; Kinostart: 17.12.

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