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Filmkritik

„Bohnenstange“ von Kantemir Balagov: Der Krieg im Körper der Frauen

Nachkriegsdrama Leningrad im Jahr 1945: Der Große Vaterländische Krieg ist zu Ende, die Sowjetunion hat Nazi-Deutschland besiegt. Nun kann das Leben neu beginnen. Doch in dem Krankenhaus, in dem Iya arbeitet, liegen noch viele Patienten, die an Leib und Seele vom Krieg gezeichnet sind. Und sie selbst ist auch traumatisiert: Immer wieder verfällt sie in eine Art Erstarrung, als befände sie sich noch einmal in einem Gefecht, in dem sie sich nicht anders zu helfen weiß als durch eine Flucht nach innen, in ihren schmalen, hoch aufragenden Körper: „Bohnenstange“ wird sie wegen ihrer Erscheinung genannt, so heißt auch der Film „Bohnenstange“ von Kantemir Balagov.

"Bohnenstange" von Kantemir Balagov. Foto: eksystent
„Bohnenstange“ von Kantemir Balagov. Foto: eksystent

Neben ihrer Stelle im Krankenhaus hat Iya noch eine wichtige Aufgabe: Sie versorgt den kleinen Pashka, den Sohn ihrer Kriegskameradin Masha, die noch nicht nach Leningrad zurückgekehrt ist. Als sie schließlich kommt, wird die Freundschaft zwischen Iya und Masha auf eine schreckliche Probe gestellt.

Der junge russische Regisseur Kantemir Balagov hat für seinen zweiten Film auf ein bedeutendes Buch über den Zweiten Weltkrieg zurückgegriffen: „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ von der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die gerade auch in der Mobilisierung gegen den Diktator Lukaschenko in Weißrussland eine wichtige Rolle als Inspiration für eine mutige Zivilgesellschaft spielt.

Der Schmerz der Heldinnen: „Bohnenstange“ von Kantemir Balagov

Bei Alexijewitsch wie auch bei Balagov hat der Krieg nun doch ein weibliches Gesicht, denn sie zeigen, welche gigantischen Opfer er gefordert hat. Von der offiziellen Propaganda werden Iya und Masha natürlich als Heldinnen geführt. Sie haben ihren Teil zu der Kriegsanstrengung beigetragen, sie sind auch nun wieder helfend da. Vor allem aber sind sie Frauen in einer Welt, die auch in der geschlechterpolitisch eigentlich anfänglich fortschrittlichen Sowjetunion stark durch den Krieg als eine Männerdisziplin geprägt ist.

„Bohnenstange“ erzählt von diesem Schicksal auf eine eigentlich paradoxe Weise: der Film hat eine herausragende ästhetische Qualität, er ist auch in den trostlosesten Szenen auf eine bedrückende Weise schön. Kantemir Balagov kann jetzt schon als einer der größten Stilisten im neueren Weltkino gelten.

Mit „Dylda“ zeigt er sich aber auch als großer politischer Erzähler: denn die Verwüstungen, die Iya und Masha erlebt haben und die sich in ihre Körper eingeschrieben hat, wurden bald verdrängt, und heute dient der Krieg in Putins Russland als nationaler Mythos. Dieser mutige Film erzählt davon eine andere Wahrheit.

Dylda (OT); RU 2019; 130 Min.; R: Kantemir Balagov; D: Viktoria Miroshnichenko, Vasalisa Pereligyna, Andrej Bykov; Kinostart: 22. 10. 2020

Außerdem diese Woche neu im Kino: die Filmstarts vom 22. Oktober; weiterhin im Kino: die Filmstarts vom 15. Oktober und die Filmstarts vom 8. Oktober

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