Interview

Cherien Dabis über ihren Film „Im Schatten des Orangenbaums“

Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Cherien Dabis erzählt die Geschichte einer Familie über drei Generationen hinweg – ein eindringliches Epos über Heimat, Verlust und Erinnerung. Am 20. November kommt der Film in die deutschen Kinos. Wir haben mit Dabis über ihr bislang persönlichstes Werk und die Kraft des Erzählens gesprochen. 

Cherien Dabis schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielt selbst als Hanan in „Im Schatten des Orangenbaums“. Foto: Watermelon Pictures

Familienepos mit persönlichen Erinnerungen

Cherien Dabis ist Regisseurin, Autorin und Schauspielerin, führte unter anderem Regie bei Serien wie „Only Murders in the Building“ und „Ozark“. Als Schauspielerin war sie zuletzt in der Netflix-Serie „Mo“ zu sehen. Ihr neuestes Werk, das Familienepos „Im Schatten des Orangenbaums“ (Originaltitel: „All That’s Left of You“) feierte Anfang des Jahres beim Sundance Film Festival Premiere und ist Jordaniens Beitrag für den Internationalen Academy Award 2026. 

tipBerlin „Im Schatten des Orangenbaums“ erzählt die Geschichte einer Familie über drei Generationen hinweg – Sie haben viele Jahre an diesem Film gearbeitet. Wie hat das Projekt begonnen?

Cherien Dabis Die ersten Ideen kamen mir etwa 2014. Ich habe viel über die Geschichten nachgedacht, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich bin die Erste meiner Familie, die in den USA geboren wurde, aber wir sind oft nach Jordanien und Palästina gereist. So bekam ich immer wieder Einblicke in das Leben dort. Mein Vater stammt aus dem Westjordanland, er wurde 1967 ins Exil gezwungen und konnte erst wieder zurückkehren, um seine Familie zu besuchen, als er eine ausländische Staatsbürgerschaft erhielt. Sein Heimweh, sein Schmerz über den Verlust seiner Heimat – das alles hat sich bei mir tief eingeprägt. Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, dass palästinensische Perspektiven in den amerikanischen Medien unterrepräsentiert sind. Dann kam mir die Idee, eine Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg zu erzählen – eine Geschichte, die sich über Jahrzehnte spannt und zeigt, wie historische Ereignisse das Leben dieser Familie geformt haben.

Das Porträt einer Familie: Für das Drehbuch wurde Dabis von ihrer eigenen Geschichte inspiriert. Foto: Watermelon Pictures

tipBerlin Wie haben Sie entschieden, welche historischen Ereignisse im Mittelpunkt stehen sollten?

Cherien Dabis Ich wusste, dass ich über die Nakba [arabisch für „Katastrophe“, gemeint ist die Vertreibung und Flucht der Palästinenser im Zuge der Staatsgründung Israels 1948, Anm. d. Red.] erzählen wollte, weil sie in gewisser Weise bis heute andauert. Ein Schlüsselmoment für mich war auch etwas, das ich 2007 erlebt habe, als ich mein erstes Spielfilmprojekt „Amreeka“ vorbereitete. Ich fuhr von Jerusalem nach Ramallah, als plötzlich der Checkpoint geschlossen wurde. Ein Soldat sagte mir, ich könne „auf eigene Gefahr“ weiterfahren. Plötzlich war überall schwarzer Rauch – eine beginnende Demonstration. Auf einmal war ich mittendrin, als ganz junge Männer, auch Teenager, schwer bewaffneten israelischen Soldaten gegenüberstanden – die Jungs hielten Steine in der Hand, wie Spielzeuge. Ich saß in meinem Auto direkt dahinter und dachte: Wer sind diese Jungen? Wie sind sie in diese Situation gekommen? Dieses Bild ließ mich nicht mehr los – und es wurde zur Eröffnungsszene des Films.

tipBerlin Der Film beginnt also mit einer Demonstration in den Achtzigern, es fällt ein Schuss – dann springt die Geschichte in der Zeit zurück. Warum haben Sie sich für diese nicht-lineare Erzählweise entschieden?

Cherien Dabis Weil man die Gegenwart nicht begreifen kann, ohne die Vergangenheit zu verstehen. Um den Aufstand der Jugend während der Ersten Intifada zu erfassen, muss man zurückgehen bis 1948. Das gilt auch für alles, was heute passiert – nichts davon ist losgelöst von der Geschichte. Der Film soll zeigen, wie das alles miteinander verbunden ist.

Sharif mit seinem Sohn Salim im Jahr 1948. Foto: Watermelon Pictures

Die Mutterfigur als Herz der Geschichte

tipBerlin Die Mutterfigur, die Sie selbst spielen, ist die Erzählerin. Warum steht sie im Mittelpunkt?

Cherien Dabis Ich wusste, dass ich drei Generationen von Männern zeigen möchte – Großvater, Vater, Sohn – und das Trauma, das zwischen ihnen weitergegeben wird. Doch mir wurde klar, dass die Geschichte auch weibliche Energie braucht. Ich wollte, dass diese Figur langsam an Kraft gewinnt: Anfangs wirkt sie vielleicht wie eine traditionelle „arabische Mutter“ (lacht), doch im Laufe des Films wächst sie, bis sie am Ende das Herz und die Seele der Geschichte ist. Für mich ist sie eine Hommage an palästinensische Frauen – an meine Mutter, meine Großmütter. 

tipBerlin Sie zeigen palästinensische Männer vor allem als liebevolle Väter, die alles versuchen, um ihre Familie zu beschützen. Wollten Sie damit bewusst Vorurteilen etwas entgegensetzen?

Cherien Dabis Ja, unbedingt. Palästinensische Männer werden so oft missverstanden und entmenschlicht. Ich wollte sie als komplexe, liebevolle Menschen zeigen – nicht als Stereotype, sondern als Väter, Söhne, Brüder, die einfach versuchen, ihre Würde zu bewahren.

Eine echte Familie vor der Kamera

tipBerlin Ihre männlichen Hauptdarsteller stammen tatsächlich alle aus derselben Familie. Wie kam es dazu?

Cherien Dabis Das war etwas ganz Besonderes! Die Familie Bakri ist die einzige Schauspielerdynastie Palästinas, deshalb habe ich natürlich sofort an sie gedacht, als ich das Drehbuch schrieb. Dass tatsächlich mehrere Generationen dieser Familie gemeinsam vor der Kamera standen, war ein absolutes Geschenk. Diese echte familiäre Bindung spürt man in jedem Blick, jeder Geste. Saleh Bakri spielt Szenen mit seinem Vater – diese Authentizität, diese unausgesprochene Geschichte zwischen ihnen, das kann man nicht inszenieren. Außerdem hat die Familie selbst eine enge Verbindung zu den Themen des Films: Salehs Mutter stammt aus Jaffa, seine Familie hat die Geschichte des Verlusts selbst erlebt.

Der erwachsene Salim (Saleh Bakri, rechts) und sein Vater Sharif (Mohammad Bakri). Die beiden Schauspieler sind auch im echten Leben Vater und Sohn. Foto: Watermelon Pictures

Dreh im Schatten des 7. Oktober

tipBerlin Die Produktion wurde 2023 von den aktuellen Ereignissen überschattet: Sie wollten ursprünglich einen Teil des Films im Westjordanland drehen, mussten jedoch nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober und dem darauf folgenden Krieg in Gaza kurzfristig umdisponieren. Wie haben Sie diese Umbrüche erlebt?

Cherien Dabis Es war extrem belastend. Wir wollten etwa zehn Prozent des Films in Palästina drehen, mussten aber wegen der Eskalation evakuieren. Wir hatten bereits Sets gebaut und Requisiten gesammelt – alles musste zurückgelassen werden. Noch schmerzhafter war es, unsere palästinensische Crew zurückzulassen. Danach befand sich die Produktion im Krisenmodus. Wir mussten neue Drehorte finden, Gelder auftreiben, alles neu aufbauen. Erst zogen wir nach Zypern, dann nach Jordanien, wo wir über die Hälfte des Films in den palästinensischen Flüchtlingscamps gedreht haben – viele der Menschen dort stammen aus Familien, die 1948 vertrieben wurden. Sie arbeiteten mit uns, vor und hinter der Kamera. Am Ende drehten wir den letzten Teil in Griechenland. Ein Dreh, der drei Monate dauern sollte, zog sich über elf Monate hin.

tipBerlin Wie war es, diese Geschichte zu drehen, ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Situation vor Ort aufs Neue eskalierte?

Cherien Dabis Es war surreal und emotional überwältigend. Wir drehten Szenen aus der Vergangenheit, dann schauten wir auf unsere Handys und sahen schreckliche Bilder. Oft fühlte es sich an, als würden wir einen Film über etwas drehen, das gerade in Echtzeit geschieht. Aber der Film wurde für uns auch zu einer Art Zuflucht – wir haben all unsere Liebe und Trauer in diese Arbeit gesteckt.

Hanan (Cherien Dabis) und Salim (Saleh Bakri) bangen um das Leben ihres Sohnes Noor, der bei einer Demonstration verletzt wurde. (Foto: Watermelon Pictures

tipBerlin Sie haben mit internationalen Produzent:innen aus unterschiedlichsten Ländern zusammengearbeitet, auch aus Deutschland. Gab es jemals kreative oder inhaltliche Konflikte?

Cherien Dabis Ehrlich gesagt, kaum. Von Anfang an wussten alle, was ich mit diesem Film vorhabe. Und sie haben mich durchgehend unterstützt – auch nach Oktober 2023. Ich wollte eine ehrliche, aber sanfte Version dieser Geschichte erzählen. Viele Zuschauer können extreme Gewalt kaum mehr ertragen – also wollte ich etwas schaffen, das berührt, ohne zu überfordern. Der Film zeigt Schmerz, aber auch Humor, Zärtlichkeit und Liebe. 

„Die Geschichte verdient diesen Raum“

tipBerlin Da der Film eine sehr persönliche Geschichte erzählt und klar aus einer palästinensischen Perspektive spricht – sind Sie dafür kritisiert worden, dass er einseitig sei?

Cherien Dabis Das ist eine sehr gute Frage. Für mich war von Anfang an klar: Das ist die Geschichte einer palästinensischen Familie. Meiner Meinung nach verdient diese Geschichte genau den Raum, den sie im Film einnimmt. Wenn also jemand sagt, der Film sei „einseitig“, dann halte ich das ehrlich gesagt nicht für eine berechtigte Kritik. Denn wenn eine Filmemacherin irgendwo anders auf der Welt eine Geschichte über ihre eigene Community erzählt, wird das nicht als einseitig bezeichnet. Wenn wir zum Beispiel den brasilianischen Film „I’m Still Here“ sehen – sagen wir dann, er sei einseitig? Nein, wir verstehen ihn als eine menschliche Geschichte, erzählt aus einer bestimmten Perspektive. 

Meiner Meinung nach verdient diese Geschichte genau den Raum, den sie im Film einnimmt. Wenn also jemand sagt, der Film sei „einseitig“, dann halte ich das ehrlich gesagt nicht für eine berechtigte Kritik. Denn wenn eine Filmemacherin irgendwo anders auf der Welt eine Geschichte über ihre eigene Community erzählt, wird das nicht als einseitig bezeichnet.

Cherien Dabis

tipBerlin In einer Szene an einem Checkpoint wird die Komplexität der Situation deutlich: Einer der Soldaten verhält sich grausam, aber ein anderer wirkt sichtlich innerlich zerrissen. Ein sehr spannender Moment. 

Cherien Dabis Der Film umfasst achtzig Jahre einer Familiengeschichte, und ich brauchte jede einzelne Minute, um diese Geschichte wahrhaftig zu erzählen. Das heißt aber nicht, dass ich die Welt um diese Familie herum – etwa die israelischen Soldaten – flach oder eindimensional zeigen wollte. Mir war wichtig, dass auch sie Tiefe und Komplexität haben. Das Leben ist nicht schwarz-weiß – es besteht aus vielen Grautönen, und Menschen sind oft innerlich zerrissen.

tipBerlin Trotz all dieser Schwere hat das Ende des Films einen hoffnungsvollen Ton. Welche Reaktionen haben Sie bisher auf den Film erhalten?

Cherien Dabis Es ist sehr emotional. Bei der Premiere beim Sundance Festival gab es Standing Ovations – viele haben geweint. Manche sagten, der Film habe ihre Sicht auf Palästina völlig verändert. Oft fragen Zuschauer nach Lesetipps oder Quellen, um mehr zu erfahren. Diese Neugier, dieses Bedürfnis zu verstehen – das ist für mich ein Zeichen von Hoffnung.

  • Im Schatten des Orangenbaums Zypern/JOR/D 2025; 145 Min.; R+D: Cherien Dabis; D: Cherien Dabis, Maria Zreik, Saleh Bakri; Kinostart: 20.11.

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