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August Diehl glänzt in „Das Verschwinden des Josef Mengele“

Kiril Serebrennikow erzählt in „Das Verschwinden des Josef Mengele“ vom grausamen KZ-Arzt, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika auswandern und jahrelang unbehelligt bleiben konnte. August Diehl spielt die Hauptrolle – eine spektakulären Performance, findet tipBerlin-Kritiker Michael Meyns.

Foto: Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios

Rattenlinie. Ein passender Name für den Fluchtweg, auf dem zahlreiche Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg das zerstörte Europa verließen, von alten und neuen Sympathisanten unterstützt, und in Südamerika eine neue Heimat fanden. Besonders in Argentinien, wo Juan Péron zu faschistischem Gedankengut neigte und die Expertise der Alt-Nazis zum industriellen Aufbau des Landes nutzte. Neben Adolf Eichmann, der später vom Mossad entführt und in Israel vor Gericht gestellt wurde, war es besonders der KZ-Arzt Josef Mengele, der zu den Nazi-Berühmtheiten zählte, die lange Jahre ein recht unbeschwertes Leben in Südamerika führen konnten, oft in Argentinien, aber auch in Paraguay und Brasilien.

Regisseur Kirill Serebrennikow lebt im Berliner Exil

Von diesem Leben erzählt nun der russische Regisseur Kirill Serebrennikow, der seit einigen Jahren in Berlin im Exil lebt. Als Basis dient ihm ein Tatsachenroman des französischen Autors Olivier Guez, der Mengeles Flucht und sein Leben in Südamerika penibel recherchierte und der Wahrheit vermutlich sehr nah kommt. Und diese Wahrheit wirkt oft haarsträubend, erzählt von der Nachlässigkeit, mit der im Nachkriegsdeutschland mit hochrangigen Nazis umgegangen wurde, vor allem aber auch von einem Mann, der vor seinen Taten und seiner Vergangenheit davonrannte und sie bis zum Ende verdrängte.

Zu den besonders bizarren Momenten in Mengeles Nachkriegsleben zählt, dass er noch Mitte der 50er Jahre einen offiziellen deutschen Reisepass auf seinen eigenen Namen erhalten konnte, denn ein Haftbefehl gegen ihn lag nicht vor. Zu diesem Zeitpunkt tauchte Mengele offenbar mindestens einmal in seiner Heimat in Bayern auf, im kleinen Ort Günzberg, wo seine Familie unter dem Namen „Mengele Agrartechnik“ ein florierendes Unternehmen führte, dessen Einnahmen auch die Flucht des verlorenen Sohns finanzierten.

„Das Verschwinden des Josef Mengele“: Erst mit der Eichmann-Entführung zieht die Schlinge sich zu

Diese Flucht wirkt anfangs eher wie ein Urlaub, in den 50er Jahren konnte Mengele wie ein Gutsherr agieren, der mondäne Partys für die anderen Deutschen im Exil und ihre südamerikanischen Sympathisanten schmeißt. Erst mit der sich langsam verändernden Weltlage und besonders nach der Entdeckung und Entführung von Adolf Eichmann beginnt Mengele zu spüren, dass sich die Schlinge langsam zuzieht.

August Diehl spielt Mengele in einer spektakulären Performance, anfangs noch als selbstbewussten, weltgewandten Mann, der später zunehmend paranoid und depressiv agiert. In markantem Schwarzweiß hat Serebrennikow gefilmt, das umso bedrohlicher wirkt, je mehr sich Mengele in die Enge getrieben sieht. Nur für einen Moment strahlt die Sonne farbig, in einem perfiden Moment, in dem sich Mengele an seine Zeit in Auschwitz erinnert, allerdings nicht an die Grauen des Lagers, sondern an einen bukolischen Moment, den er auf einer Wiese am See mit seiner Frau verbrachte. „Ich könnte heute früher Schluss machen“, sagt Mengele zur Freude seiner Frau, Hannah Arendts Satz von der Banalität des Bösen wirkte selten so passend.

Eine späte Ironie: Mengeles Knochen, erst Jahre nach seinem Tod durch moderne DNA-Analyse identifiziert, landeten in einer Universität in Sao Paolo. Dort dienen sie Studenten der Forensik als Übungsmaterial. Das passende Ende für die Überbleibsel eines Mannes, der wie wenige andere die Grauen des Nationalsozialismus verkörpert.

  • Das Verschwinden des Josef Mengele D/F 2025; R: Kiril Serebrennikow; D: August Diehl, Burghardt Klaußner, Friederike Becht; Kinostart: 23.10.

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