• Kino & Stream
  • Filme
  • „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“: Wolfgang Beckers letzter Film

Filme

„Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“: Wolfgang Beckers letzter Film

In Wolfgang Beckers Komödie „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ mit Charly Hübner regiert im Rückblick auf die DDR der Schlendrian. Der 2024 verstorbene Regisseur von „Good Bye, Lenin!“ hat in dem Roman von Maxim Leo zum Abschied noch einmal einen großen Stoff gefunden.

In „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ spielt Charly Hübner den Videothekar Micha Hartung als Helden eines unbeholfenen Widerstands. Foto: X Verleih AG / Frédéric Batier

Wenn jemand im Jahr 2019 im Prenzlauer Berg eine große Videothek betreibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht klein, dass es sich um einen hoffnungslosen Cineasten oder einen Verächter des Zeitgeists handelt. Vielleicht trifft sogar beides zugleich zu, wie bei Micha Hartung, der sein Geschäft so führt, als könnte man mit Jean-Luc Godard und Louis de Funès jeden historischen Irrweg gut überstehen, und sei es der moderne Gentrifizierungskapitalismus.

Charly Hüber ist „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ – aus Versehen

Hartung ist der letzte, der von sich sagen würde, er wäre ein Held oder sonstwie etwas Besonderes. Und doch taucht eines Tages ein Reporter bei ihm auf und will ihn zu einer merkwürdigen Begebenheit befragen. Da gab es doch im Jahr 1984 diesen Vorfall, als ein Zug der Ost-Berliner S-Bahn versehentlich im Westen der Stadt ankam. Eine Ausreise, die ganz und gar nicht im Sinne des Honecker-Regimes war. Da muss doch jemand eine Weiche gestellt haben, oder war es eine Weichenstörung? Eine absichtliche?

Hartung ist jetzt keiner, der Geschichte betreibt wie ein Wissenschaftler. Ja, er war damals dabei, aber so im Detail … da müsste er jetzt erst einmal nachdenken. Und so lässt er sich von dem Reporter unversehens ein wenig, und dann auch schon ganz schön auf das Gebiet der Fiktion oder der Ausschmückung locken. In einem Nachrichtenmagazin erscheint eine Geschichte, und plötzlich ist er überall „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“. 

DDR wie aus einer Märchenstunde

So heißt auch der Roman von Maxim Leo, erschienen 2022, den Wolfgang Becker verfilmt hat. Der Regisseur von „Goodbye, Lenin“ hat damit noch einmal einen Stoff gefunden, der es ihm erlaubt, eine DDR wie aus einer Märchenstunde heraufzubeschwören. Oder eine DDR aus dem Garn, aus dem Geschichten gestrickt sind, die über die Jahre immer besser, origineller und auf eine spezielle Weise wahr werden. Legenden eben.

Charly Hübner spielt den Hartung, der bei Maxim Leo immer mit dem Nachnamen genannt wird. Dass er 2006 eine kleine Rolle in „Das Leben der Anderen“ hatte, ist nun schon Material für einen Gag – und sogar für einen ziemlich guten. Hübner hat dieses gewisse Charisma, das Volkspolizisten, Blockwarte und andere Tyrannen in den Wahnsinn treiben kann. Er lässt Widerstand weich aussehen, leistet auch eigentlich gar keinen, aber man kann ihn sich nur auf der richtigen Seite der Geschichte vorstellen. Wo diese 2019 oder 1984 jeweils gerade liegt, davon handelt „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ in Form einer gemächlichen Komödie.

„Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“: Eine tolle Figur nach der anderen

Mit großer Geduld packt der Film eine tolle Figur nach der anderen aus, wobei Thorsten Merten (als ewiger Dissident, der schließlich zur Nervensäge wird) und Peter Kurth (der als DDR-Systemfiesling eine formidable Datschen-Wampe präsentiert) hervorstechen. Daniel Brühl hat ein paar Momente als Karikatur eines Strebers im heutigen Subventionskino, Katharina Witt taucht einmal kurz auf, und Leon Ullrich macht sich mit Gusto über Karrierejournalisten lustig. Christiane Paul spielt einmal mehr die romantische Heldin, eine unglamouröse, aber liebenswerte Schönheit, in einer unaufdringlichen Summe ihrer Karriere, die im Nach-Wende-Deutschland zentral ist. Bernhard Schütz, Eva Löbau, Jürgen Vogel oder Leonie Benesch haben alle kleinere Auftritte.

Wolfgang Becker (1954–2024): Freunde von X Filme haben seinen letzten Film für ihn fertiggestellt. Foto: Imago/Achille Abboud

Für Wolfgang Becker war der Roman von Maxim Leo eine perfekte Möglichkeit, an seinen Welterfolg mit „Good Bye, Lenin!“ anzuschließen. In den 20 Jahren danach hat er, bis auf eine Adapation nach Daniel Kehlmann („Ich und Kaminski“) und ein paar Auftritte als Schauspieler, nicht so wahnsinnig viel gemacht. Dafür gab es sicher viele Gründe, aber es entwickelt auch seinen eigenen Druck, wenn man so einen Film gemacht hat, der für eine ganze Generation etwas trifft. Die Geschichte von „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ enthält genau die richtige Balance aus großen Themen und spielerischer Auflösung. 

Wolfgang Beckers Freunde bei X Filme haben das Werk für ihn fertiggestellt

Becker, der schon 1997 mit „Das Leben ist eine Baustelle“ einen kanonischen Berlin-Film gemacht hatte, starb nach Abschluss der Dreharbeiten im Dezember 2024. Seine Freunde bei X Filme, der Regisseur Achim von Borries und der Produzent Stefan Arndt, haben das Projekt fertiggestellt, „in seinem Sinn“, wie es (durchaus plausibel) heißt. Das Ergebnis ist eine weitere Wende-Komödie aus dem versöhnlichen Geist von „Good Bye, Lenin!“. Bei „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ steigt zwar einerseits wirklich niemand gut aus, andererseits aber wird für die Flucht in den Mythos auch nicht zu dick aufgetragen. 

In einem großen amerikanischen Western fällt am Ende der Satz zu einem Reporter: „Dann drucken Sie eben die Legende.“ Wolfgang Becker ist kein John Ford, aber von der Ferne hat auch „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ etwas von diesem Zauber eines Kinos, das an Geschichten unfehlbar das findet, worauf es wirklich ankommt. Wer sollte das besser wissen als ein verschlurfter Videothekar aus dem Prenzlauer Berg, der für die geschichtsvergessene Generation Netflix das ganze Weltkino vorrätig hält.

  • Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße D 2025; 113 Min.; R: Wolfgang Becker; D: Charly Hübner, Christiane Paul, Leon Ullrich; Kinostart: 11.12.

Mehr zum Thema

In „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ spielt er die Hauptrolle, doch Charly Hüber führt auch mal Regie: Ein Interview über „Sophia, der Tod und ich“. In diesem Film stimmt einfach alles: Unsere Filmkritik zu „Sentimental Value“ von Joachim Trier. Behind the Scenes: Filmset-Fotos von „Sentimental Value“. Eine politisch-romantische Harzreise: Julian Radlmaiers „Sehnsucht in Sangerhausen“. Prequel zum Silvesterklassiker „Dinner for One“: So ist die Serie „Miss Sophie“Der neue Film des US-Regisseurs Ari Aster: „Eddington“ ist ein bitterböser Mix aus Neo-Western, Satire und Gesellschaftsdrama. Drei Generationen Trauma: Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Cherien Dabis über ihren Film „Im Schatten des Orangenbaums“. Highlight aus Brasilien: „The Secret Agent“. Ein Gespräch über Rassismuserfahrungen, die Migrationsdebatte und Koranverbrennungen: Wir haben uns mit „Hysteria“-Schauspielerin Devrim Lingnau Islamoğlu getroffen. Der Cannes-Gewinner der Berliner Regisseurin geht ins Oscar-Rennen: Wir haben „In die Sonne schauen gesehen“. Was läuft sonst? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin. Der Letzte seiner Art in Berlin: Götz Valien malt Kinoplakate. Mehr aus der Filmwelt lest ihr in unserer Kino-Rubrik.



Tip Berlin - Support your local Stadtmagazin